Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag

____________ Sabine Niemeyer____________



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Beitrag entnommen aus
ğIm Zaubergarten der WorteĞ
Ausgabe 2015
R.G.Fischer Verlag



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Weihnachtszeit

Mein Mann denkt immer an jedem 24. eines Monats an Weihnachten, er sagt dann: »In so und so viel Monaten ist Weihnachten.« Im Büro lässt er dann Weihnachtslieder wie z. B. »Oh du fröhliche« oder »Oh Tannenbaum« singen.
Wenn Ende September/Anfang Oktober die Weihnachtssüssigkeiten und -ständer in den Kaufhäusern und Super100 märkten aufgestellt werden, denke ich, dann ist es bald wieder Weihnachten.
Ich bin gerade aus meinem Sommerurlaub zurückgekommen, bin noch mitten im Sommer und gar nicht in Weihnachtsstimmung. Ich esse gern Lebkuchen, aber jetzt hab ich auch noch keinen Hunger darauf und denke mir, den kann ich dann kurz vor Weihnachten immer noch kaufen.
Das vorletzte Novemberwochenende bin ich nach Berlin eingeladen. Ich freue mich schon darauf, dann noch einen Tag dranzuhängen und mir die Berliner Weihnachtsmärkte anzuschauen.
Leider wird daraus nichts, denn ich habe am Montagnachmittag einen Termin in Düsseldorf. Somit müssen die Berliner Weihnachtsmärkte bis zum nächsten Jahr warten.
In Köln gibt es laut Broschüre der Touristen-Information »Weihnachtsstadt Köln« offiziell 7 Weihnachtsmärkte:

1. Weihnachtsmarkt am Kölner Dom
2. Nikolausdorf auf dem Rudolfplatz
3. Kölner Altstadt: »Heimat der Heinzel«
4. Markt der Engel: Weihnachten auf dem Neumarkt
5. Kölner Hafen-Weihnachtsmarkt: Weihnachtsmarkt am
    Wasser
6. Christmas Avenue an der Schaafenstraße
7. Weihnachtsmarkt im Stadtgarten: mit weihnachtlich
    romantischer Dorfidylle

Einige Weihnachtsmärkte werden auch gar nicht aufgeführt wie z. B. der Weihnachtsmarkt am Clodwigplatz mit der größten Feuerzangenbowle. Hier wird auch der Film »Die Feuerzangenbowle« gezeigt. Außerdem gibt es auch noch ein »Wintermärchen auf dem Heumarkt«, das bis zum 6. Januar geöffnet ist. In Köln ist es meistens nicht so kalt, so dass der Glühwein zu relativ herbstlichen Temperaturen noch nicht richtig schmeckt.
Wie in jedem Jahr, schaffe ich es auch in diesem Jahr nicht, alle Weihnachtsmärkte anzuschauen, die Christmas Avenue habe ich wieder nicht besucht.
Deutschlands beliebtester Weihnachtsmarkt am Kölner Dom, der »Markt der Herzen«, verzaubert seine Besucher unter dem leuchtenden Sternenlichterzelt. Er bietet ein umfangreiches Bühnenprogramm mit über 100 Veranstaltungen. Der Nachteil ist, dass er sehr zugig ist.
Meine Favoriten sind der Weihnachtsmarkt in der Altstadt mit seinen beleuchteten Herzen in den Bäumen und der Weihnachtsmarkt am Neumarkt mit seinen beleuchteten Sternen.
Vor Weihnachten bekommen wir Besuch von Freunden, wir gehen mit unseren Freunden auf einige Weihnachtsmärkte und auch noch in ein Kölner Brauhaus mit mehreren unterirdischen Etagen. Obwohl der Besuch fast eine Woche lang bei uns bleibt, vergeht die Zeit wie im Flug und wir sind wieder allein …
Kurz vor dem Fest muss ich noch Weihnachtsgeschenke kaufen. Plätzchen habe ich auch wieder nicht gebacken. Vielleicht klappt es im nächsten Jahr.
Plötzlich ist der 24. Dezember. Ich bin gedanklich noch gar nicht so weit, aber Weihnachten ist schon da! Ich will nachmittags vor der Bescherung noch Weihnachts-E-Mails schreiben. Ich habe genug Zeit eingeplant, vorher schon alle Geschenke eingepackt und die Weihnachtskarten geschrieben.
Aber was ist das? Ausgerechnet heute hat mein Antivirenprogramm einen Virus gefunden! Es entfernt im Hintergrund den Virus, ich muss immer wieder verschiedene Buttons anklicken. Es dauert Ewigkeiten bis der Buchstabe eines Wortes eingetippt ist und dann wird die E-Mail nicht versendet, ich klicke immer wieder auf »speichern« und weiß nicht, ob die Nachricht gespeichert wurde. Ich starte den Computer neu. Natürlich ist die E-Mail nicht als Entwurf gespeichert. Also tippe ich sie noch mal ein. Es dauert wieder gefühlte Ewigkeiten, bis endlich die E-Mail neu geschrieben ist. Doch was ist das? Wieder kann die E-Mail nicht versendet werden. Ich beschließe die E-Mail mit meinem Smartphone erneut zu schreiben. Nun tippe ich sie das dritte Mal ein. Anschließend versende ich die Mail, doch sie kommt wieder zurück. Ich weiß nicht warum, das kann ich auf meinem Smartphone nicht einsehen. Ich beschließe, mir das Phänomen, sobald Zeit ist, später auf meinem Rechner genau anzuschauen.
Nun ruft auch schon mein Mann, wir müssen los zur Bescherung.
Am nächsten Tag bekommen wir Besuch von unseren Eltern. Unser Besuch wird von uns köstlich bewirtet. Meine Eltern erzählten, dass sie früher immer echte Kerzen am Tannenbaum gehabt hätten und nie etwas passiert wäre. Heute hätten sie eine Lichterkette. Abends las ich unseren Eltern noch das Gedicht: »50 Jahre Dirk« vor.
Auf einmal ist Weihnachten vorbei und alle Besucher sind wieder weg. Es ist ungewohnt leer und ruhig in unserer Wohnung.
Zu Silvester wollen wir Raclette machen. Wir stecken den Stecker des Raclette-Grills in die Steckdose. Plötzlich ist die Wohnung dunkel. Ich habe erst gedacht, dass es einen Stromausfall im ganzen Block gegeben hätte; aber die anderen Wohnungen sind alle hell. Mein Mann holt eine Taschenlampe und dreht die Sicherungen wieder rein; das Licht geht wieder an. Was tun, wir haben alles für Raclette eingekauft? Ist das Gerät kaputt oder nicht? Fondue machen geht nicht, denn wir haben keine Fonduepaste. Wir versuchen es mit einer anderen Steckdose. Erneut wird die Wohnung dunkel. Wir probieren das Raclette in der Küche aus; es funktioniert. Jetzt noch mal im Wohnzimmer mit einem anderen Stromkreis. Es funktioniert, vor lauter Schreck ist uns schon fast der Appetit vergangen. Zu später Stunde gehen wir in der Nähe unserer Wohnung tanzen. Als wir das Lokal wieder verlassen, ist es nebelig, wir fragen uns, ob nicht die vielen Knallkörper den Nebel mit verursacht haben.
Nun sind wir in 2015. Was wird dieses Jahr wohl bringen? Vielleicht ist es auch gut, dass wir es nicht wissen?






Über die Autorin:

Sabine Niemeyer wurde im Dezember 1966 in Hildesheim (bei Hannover) geboren und hat nach Ausbildung zur Industriekauffrau und Fremsprachenkorrespondentin Betriebswirtschaftslehre in Göttingen studiert. Veröffentlichungen in diversen Anthologien des R. G. Fischer Verlages. Die Autorin liebt Reisen und Radfahren und lebt mit ihrem Ehemann in Köln.