Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag

____________ Annemarie Schneider ____________



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Beitrag entnommen aus
ğIm Zaubergarten der WorteĞ
Ausgabe 2015
R.G.Fischer Verlag



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Melody

Der dichte Nebel waberte um die Hügel und tauchte alles in trostloses Grau. Einzelne Schneeflocken ließen sich auf dem gefrorenen Gras nieder und verdichteten den weißen Schimmer.
Die Sonne brach kaum hinter den dunklen Wolken hervor und die letzten Sonnenstrahlen des Tages funkelten auf dem in der Dämmerung leuchtenden Schnee.
Ein leichter Wind kam auf und teilte den Nebel.
Eine dunkle Gestalt hob sich von dem Grau der Landschaft ab, als sie durch den Dunst wankte.
Sie kämpfte gegen die klirrende Kälte und den Wind an, der langsam aufflaute.
Der dunkle Umhang wehte um die Gestalt herum und ließ den schlanken Mann darin verloren aussehen.
Er stapfte durch den Schnee, den Kopf gesenkt und ein leises Knirschen ertönte bei jedem seiner Schritte, wenn er mit seinen Stiefeln im Schnee sank.
Als die heulende Windböe erneut heranjagte, zog der Mann seinen Mantel enger um sich und beschleunigte seine Schritte.
Die gefrorene Wiese führte an mehreren Häusern vorbei. Der Mann blieb stehen und blickte zu ihnen herüber.
In diesem Moment öffnete sich eine Haustür und zwei Kinder liefen lachend heraus. In der Hand hielten sie bunte Eier und ihre Mützen hatten Hasenohren. Trotz der späten Stunde schienen sie munter und fröhlich zu sein.
Das traurige Seufzen des Mannes wehte über die Wiese.
Als er sich bewegte, rutschte die Kapuze von seinem Kopf und sein weißblondes Haar kam zum Vorschein. Sein Gesicht, nunmehr nicht vom Schatten der Kapuze verdeckt, war verzerrt vor Schmerz.
Die grauen Augen waren leer und blaue Adern schimmerten durch die blasse Haut hindurch.
Er war sehr jung, beinahe noch jugendlich.
Trotzdem strahlte er eine Aura von Schmerz und Verzweiflung aus, als er sich von den Kindern wegdrehte und seinen Weg fortsetzte.
Bevor sein Gesicht erneut im Dunkel der Kapuze verschwand, rann eine einsame Träne aus seinem Augenwinkel die Wange hinab.
Der Wind trieb ihn weiter durch die weiße Welt und plötzlich stoppte er und kniete sich hin.
»Hallo Melody«, flüsterte in die Stille hinein.
Er wusste, dass sie ihm zuhörte, irgendwo im Dämmerlicht des Waldes vor ihm hielt sie sich versteckt.
»Ich hab dir etwas mitgebracht. Ich hoffe sie gefällt dir.«
Vorsichtig legte er eine blutrote Rose vor sich auf den Boden.
»Willst du sie dir nicht ansehen?«, fragte er traurig und lauschte in das Dickicht.
Aber nichts als der Wind strich durch die Blätter und antwortete ihm.
Es begann langsam zu schneien und kleine Eiskristalle setzten sich auf die Rose, ließen sie in der Düsternis funkeln.
»Seltsam oder? Letztes Jahr an Ostern hat die Sonne geschienen und jetzt schneit es. Mutter hat mir verboten heute rauszugehen, wegen dem Schneesturm, aber ich bin trotzdem gegangen. Du hättest ihr Gesicht sehen sollen …«
Ein bitteres Lachen stahl sich aus seinem Mund und hallte in dem Wald wider.
Er schloss die Augen und wünschte sich, sie würde mitlachen.
Früher hatten sie so oft zusammen gelacht, meistens über seine Eltern, aber vor genau einem Jahr hatte sich das schlagartig geändert.
Er seufzte traurig und lehnte sich an einen Baumstamm.
»Heute vor einem Jahr bist du weggelaufen. Ich wünschte, ich hätte mich von dir verabschieden können, aber du hast mich ohne ein Wort verlassen. Aber es war deine Entscheidung. Ich stehe immer noch hinter dir, Melody, das weißt du.« Nach einer kurzen Pause fügte er kläglich hinzu : »Das weißt du doch, oder?«
Seine Worte schienen plötzlich vom Wind abgefangen und in die Baumwipfel empor gehoben zu werden.
Ein letztes Blatt, das sich den ganzen Winter an den Ast geklammert hatte, gab sich jetzt dem Sog hin und segelte in eleganten Spiralen auf die Schulter des Mannes nieder.
Zuerst weiteten sich seine Augen im Schock, doch dann breitete sich ein schmales Lächeln auf seinem Gesicht aus. Er nahm das Blatt in die Hand und strich liebevoll mit seinen Fingerspitzen darüber.
Eine Antwort, so klein sie auch war. Ein Zeichen, dass sie da war und ihm zuhörte.
Die Stunden vergingen und die Dämmerung verwandelte sich in Dunkelheit, das Grau in Schwarz.
Nur noch einzelne Schneeflocken tanzten im Wind. Das Wispern im Wald war jetzt deutlich zu hören.
Immer wieder schienen Worte einer fremden Sprache zu ertönen, zu alt und geheimnisvoll, um sie zu verstehen.
Ab und zu wurde das Flüstern von dem jungen Mann unterbrochen, der dem Wind leise Geschichten erzählte und dessen Worte wie von Zauberhand durch den Wald getragen wurden, um dort vom Wispern aufgenommen zu werden.
Das kleine Blatt in den Händen des Mannes schien selbst zu flüstern, wenn neue Worte erklangen.
Als der Mann den Kopf hob, um in die Weite des Himmels zu blicken, sah er, dass der Mond aufgegangen war und zusammen mit dem Licht der Sterne die Welt unter ihm beleuchtete.
»Sieh nur. Der Vollmond. So helles, reines Licht, viel klarer als das der Sonne«, flüsterte der Mann dem Wald zu.
»Ich denke es wird Zeit für mich zu gehen.«
Er stand auf und ließ das Blatt, das er die ganze Zeit zärtlich gestreichelt hatte, in seine Manteltasche gleiten.
Er blickte ein letztes Mal auf den Wald und die Rose, nunmehr kaum erkennbar, deren dunkles Rot sich mithilfe der Schneeflocken und des silbernen Mondlichts in funkelndes Weiß verwandelt hatte.
Ein Lächeln erhellte die starren Gesichtszüge des Mannes.
»Bis nächstes Jahr«, flüsterte er und machte sich auf den Weg zurück in die Einsamkeit.
Der Wind aber, der seine Worte trug, bog sanft die untersten Äste der Bäume auseinander. Die Strahlen des Mondes fielen nun für einen kurzen Moment auf einen kleinen Grabstein, der sanft schimmerte.
Und als der Wald erneut zu wispern begann, leuchtete ein helles Licht vor dem Stein auf und die Rose verschwand im Leuchten des Mondes.





Über die Autorin:

Annemarie Schneider ist am 07.10.1999 in Starnberg geboren und besucht derzeit das dortige Gymnasium. Zu ihren Hobbys gehören Klavierspielen, Tanz, Theater, Gesang und neben dem Lesen auch das Schreiben.