Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag

Anja Dreyer


cover
Beitrag entnommen
aus der Anthologie
ğIm Zaubergarten der WorteĞ
Ausgabe 2016


Der Versuch


Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken
und meine Wege sind nicht eure Wege.
Jesaja 55,6 12a


Diese Zeilen standen auf dem Grabstein meiner Großmutter, das war für mich ungewöhnlich, hat mir aber gut gefallen, denn genauso ist sie gewesen. Sie ging ihre eigenen ungewöhnlichen Wege und hatte ihre eigenen, für andere oft nicht nachvollziehbare Gedanken.
Ich hab sie nicht sehr gut gekannt. Oma sagte immer, sie sei vom »Stamme NIMM«, ihre Mutter sei das schon gewesen und deren Mutter sicher auch.
Sie wohnte im Westen und kam uns nur selten besuchen. Wenn sie kam, brachte sie nicht viel mit, außer Geld, das hatte sie immer in ihrer Unterwäsche eingenäht. An dem Tag, an dem sie ankam, saß sie dann abends auf der Bettkante und holte ihre Schätze aus dem Bund ihres Mieders.
Das ist viele Jahre her. Was ich damit sagen will, ist, dass die Worte auf ihrem Grabstein wohl genau ihren Charakter trafen.
Vielleicht bin ich ja auch so.

Heute ist der 21. Dezember 2015 und wir sitzen auf dem Flughafen in Hamburg fest. Für wie lange, weiß man nicht.
Da kommt ein Gedanke in mir auf, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, das Foto, das bei mir zu Hause hängt, der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Es ist ein Foto, das ich vor genau zwanzig Jahren geschossen habe. Lange Zeit stellte es für mich eine riesige, wunderschöne Gewitterwand dar. Was auch zum damaligen Zeitpunkt wohl der Grund für mich war, diesen wunderbaren Moment für die Zukunft festzuhalten.
An dem Wochenende, als wir in Zürich in unsere neue Wohnung einzogen, das war vor einigen Jahren, sollte sich für mich der Blick auf dieses Foto grundlegend ändern.

Nun sitzen wir, mein Mann und ich, also auf dem Flughafen fest, weil der Funkverkehr über Deutschland gestört ist. Was uns wiederum unter Zeitdruck setzt, da sich unsere Arbeitgeber in Zürich kurz vor dem Fest jetzt doch noch einen geschmückten Weihnachtsbaum wünschen.
Das heißt für uns, noch auf die Schnelle einen Baum, rote Kugeln und diese LED-Lichter, die es neu auf dem Markt gibt, zu besorgen.
Der Flug nach Hamburg übers Wochenende war günstig, aber das Geld hätte auch für mindestens zwei neue Fenster gereicht, die wir uns in unser Haus im kommenden Jahr einbauen wollen.
Unsere Tochter lebt mit ihrer Familie in einer der Wohnungen und wir fliegen alle paar Monate dorthin, um nach dem Rechten zu sehen.
Sie kümmert sich ganz hervorragend um alle anfallenden Dinge wenn wir nicht da sind, aber am Telefon kann man ja immer viel erzählen und es könnte ja sein, dass irgendetwas im Argen liegt. Also schauen wir ab und zu mal selber nach. Für dieses Wochenende jedenfalls ist alles in Ordnung und wir können befriedigt die Heimreise antreten.

Aber dieser Tag hält für uns noch andere Überraschungen bereit.
Mit einiger Verspätung kommen wir dann doch noch rechtzeitig zu Hause an und können unsere Einkäufe erledigen. Im Baumarkt liegen die letzten zwei Packungen mit LED-Kerzen, eine davon ist schon aufgerissen, was in mir ein ungutes Gefühl hervorruft. Nicht ohne Grund, denn alles, was wir bisher hier gekauft haben, hat sich fast immer als Fehlinvestition dargestellt. Und warum sollte es in diesem Fall anders sein?
Wir probieren die Teile zu Hause natürlich gleich aus und was soll ich sagen, von zwanzig in der Packung enthaltenen LED-Lichtern funktionieren fünf Stück nicht. Als hätte ich es geahnt! Jetzt müssen die Pläne für Morgen wieder geändert werden. Am Abend, im Bett, lasse ich den Tag noch einmal Revue passieren.Ich schaue auf das Foto an der Wand und frage mich, was wohl im Leben noch alles auf uns zukommen wird.

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22. Dezember 2015

Der Tag beginnt mal wieder stressig. Ab zum Baumarkt, LED-Kerzen wieder zurückgeben, natürlich gegen Bargeld. Umtauschen ist ja sowieso nicht möglich, weil die letzte Packung im Regal ja schon aufgerissen ist. Mit der gab es wohl das gleiche Problem. Umtauschen hätte ich auch nicht gewollt. In Zukunft werde ich von diesem, in China hergestellten Schrott echt die Finger lassen.
Wir besorgen also in einem anderen Geschäft neue Lichter. Jetzt noch schnell den Baum schmücken, der mit seinen roten Kugeln und funktionierenden Lichtern ein echtes Schmuckstück geworden ist. Hoffentlich wird das auch gewürdigt.
Aber der Tag hat ja erst angefangen. Zu Hause wartet die nächste Überraschung auf mich. Sie lauert im Briefkasten in Form einer Steuernachzahlung für 2013.
Läppische eintausendeinhundertachtundzwanzig Franken. Wenn das mal keine Ansage ist. Hallo, wir haben fast 2016! Das kann ja nur ein Versehen sein, oder? Leider ist es das nicht, wie uns unser Steuerberater per E-Mail mitteilt. Er meint, dass so etwas schon mal vorkommen kann. Na dann, frohes Fest!
Abends schaue ich in das Gesicht auf meinem Foto und ich denke so bei mir: Wer weiß, wozu das alles gut ist. Gott hat bestimmt einen guten Plan mit mir. Gute Nacht.

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23. Dezember 2015

Heute wurde das neue Bett für den Hausherrn geliefert. Mit einem riesigen Kran hat man die schweren Kartons über das Haus auf die Terrasse des Schlafzimmers gehoben und von dort durch das Fenster zu seinem eigentlichen Bestimmungsort getragen. Was für ein Aufwand!
Nie und nimmer hätte es aber durch das Treppenhaus gepasst. Unglaublich, was es für Möglichkeiten gibt, bequem schlafen zu können, aber in diesem Bett kann man es bestimmt. Allein der Preis dafür spricht Bände. Es muss bequem sein!
Am Nachmittag fuhren wir noch nach Deutschland, um einige Weihnachtseinkäufe zu machen. Nichts besonderes, nur einige Kleinigkeiten, die es in der Schweiz zwar auch gibt, die aber hinter der Grenze wesentlich günstiger zu haben sind. Irgendwo muss man ja sparen!

Leider kam auch heute wieder Post. Die können es einfach nicht lassen, uns vor dem Fest mit unangenehmen Rechnungen zu belästigen. Diesmal ist es eine Forderung von der EWZ aus Deutschland. Stromnachzahlung für unser Haus dort. Also was wir heute beim Einkauf gespart haben ist, schon mal wieder weg.
Wie gewonnen, so zerronnen. Hat das irgendwann ein Ende ?
Ich will mich für heute nicht mehr darüber aufregen, das bringt ja sowieso nichts. Es ist jetzt 22:49 Uhr und im Fernsehen läuft gerade » Der Medicus«, ein gut gemachter Film, der mich auf andere Gedanken bringt.
Jetzt geh ich erst mal schlafen.
In einem russischen Volksmärchen heißt es: »Geh schlafen, der Morgen ist klüger als der Abend.«
Gute Nacht!

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24. Dezember 2015

Weihnachten ist heute nicht mehr so, wie es zu meinen Kindertagen war. Am Heiligen Abend gab es traditionellerweise immer Kartoffelsalat und Würstchen und genau wie an jedem anderen Abend ging es für uns Kinder pünktlich um 7:00 Uhr ab ins Bett. So hatten unsere Eltern genügend Zeit, den Tannenbaum zu schmücken. Das war immer eine Fichte, die man bei uns im Dorf für zwei Mark kaufen konnte. In der warmen Stube begann der Baum dann nach spätestens drei Tagen, sein Nadelkleid zu verlieren.
Am Weihnachtsmorgen waren wir Kinder dann immer die ersten, die in der noch kalten Wohnküche, denn dort spielte sich unser gesamtes Leben ab, die Geschenke begutachteten. In den bescheidenen Verhältnissen, in denen wir lebten, waren wir leicht zufriedenzustellen.Wir kannten es nicht anders. Unser Leben war schön!
Heute steht bei uns auch ein Baum im Wohnzimmer. Geschenkt haben wir uns nichts. Wozu auch,wir haben ja alles.
Am Abend im Bett danke ich meinem Herrgott für die Geburt seines Sohnes und dafür, dass der diese furchtbaren Sünden der Menschen auf sich genommen hat. Wenn er im damaligen Zeitpunkt gewusst hätte, wozu die Kreatur »Mensch« im Laufe der kommenden Jahre noch fähig sein würde, hätte er sich dieses Opfer vielleicht erspart.
Manchmal denke ich, ob es nicht an der Zeit wäre, einen zweiten Heiland auf diese Erde zu bringen, weil so viele Sünden nicht nicht auf die Schultern eines einzigen passen.

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25. Dezember 2015

Über den heutigen Tag gibt es nicht viel zu berichten, außer dass es ungewöhnlich warm ist. Vom Winter ist weit und breit keine Spur.
Wir machen eine Tour mit dem Velo über den »Pfannenstiel«. Im Sommer fahren wir diese Route sehr oft, um in Form zu bleiben. Normalerweise wären wir jetzt in den Bergen zum Skifahren, aber selbst dort ist im Moment an Schnee nicht zu denken. Vielleicht kommt der Winter ja noch, mal sehen.

Wie an jedem anderen Abend, geht auch heute mein Blick auf das Foto an der Wand und ich bin am Überlegen, wie ich diese Geschichte an die Öffentlichkeit bringen kann. Als Kurzgeschichte einreichen bei einem Verlag? Dafür ist sie wahrscheinlich nicht lang genug. Oder als Artikel in irgend einem Magazin veröffentlichen lassen?
Die lachen mich vielleicht aus. Na, ich kann es mir ja noch überlegen.

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26. Dezember 2015


Heute haben wir eine Wanderung in die Berge gemacht. Bei diesem herrlichen Wetter waren nur wenige Leute unterwegs, die den gleichen Gedanken wie wir hatten. Auf der Hütte am Mittag, gab es einen von der Hüttenwirtin wahrscheinlich selbstgebackenen Kuchen zum Dessert. Lebkuchen! Der war so grottenschlecht, das ich noch heute Abend den über würzigen Geschmack von Zimt und Nelken auf der Zunge habe.
Ich versuche es mit Rotwein zu übertünchen, was auch nach dem dritten Glas gelingt. Mit so einem Kuchen vergrault man sich auch noch die letzten Gäste, und zwar auf jeder Hütte!
Heute werde ich bestimmt gut schlafen.

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27. Dezember 2015

Endlich ist Weihnachten vorbei! Drei Tage Weihnachten und dann auch noch das Wochenende, das war für mich eine sehr nervenaufreibende Zeit. Am Ende dieses »Aufeinanderhockens« versucht man, seinem Partner möglichst aus dem Weg zu gehen, um sich nicht doch noch mit Worten zu verletzen, die man schwer wieder aus dem Weg räumen kann.
Geht es anderen Leuten eigentlich auch so, oder bloß uns?
Was hat sich der da oben bloß dabei gedacht?
Jedenfalls bleibe ich im nächsten Jahr nicht zu Hause!

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28. Dezember 2015

Der Alltag hat mich wieder. Es gibt endlich etwas zu tun. Wenn auch nicht viel, aber immerhin vergehen die Stunden jetzt schneller. Leider nicht, wenn man mit dem Auto unterwegs ist. Da sind auch viele andere, die ihre freie Zeit zwischen den Jahren nutzen, um mit ihren Autos genau vor mir herzufahren. Langsam vor mir herzufahren! In einem Tempo, das mich aggressiv werden lässt.
Diese »Schweizer Gelassenheit« würde ich auch manchmal brauchen.
Da fällt mir ein Satz von Homer ein: »Bleibe gelassen, mein Herz, schon schlimmere Frechheiten ertrugest du.«
Das sage ich mir bei solchen Gelegenheiten immer. Das hilft!
Ich bin froh, dass ich anders bin.

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29. Dezember 2015

Die ganze Zeit habe ich überlegt, was ich für diesen Tag aufschreiben kann, was die Menschen da draußen interessieren könnte.
Zum Glück sind wir am Abend noch im Kino gewesen in »Ich bin dann mal weg«. Das ist der Film, in dem Hape Kerkeling den Jakobsweg geht. Jetzt habe ich etwas, worüber ich schreiben kann. Das Buch habe ich schon vor Jahren gelesen. War wirklich gut geschrieben. Aber der Film war auch Klasse.
Ich habe mir vorgenommen, den Jakobsweg selbst mal zu gehen. Irgendwann.
Was man dafür braucht, ist Ausdauer und jede Menge Zeit. Ausdauer habe ich, das Problem ist die Zeit, die ich im Moment leider nicht habe. Achthundert Kilometer, dafür brauche ich bei meiner Kondition mindestens dreißig Tage, wenn ich jeden Tag dreißig Kilometer gehe, mit kleinen Pausen natürlich.
Für den Fall, dass irgend einer mir mein Foto abkauft, für jede Menge Kohle versteht sich, dann hänge ich meinen Job an den Nagel. Denn dann hab ich alle Zeit der Welt und mach mich auf den Weg.
Die meisten gehen den Weg wohl, weil sie zu Gott finden oder ihn verstehen wollen. Das brauche ich nicht, weil ich Gott ja kenne. Ich bin ihm einmal begegnet.
Das ist jetzt zwanzig Jahre her. Damals habe ich ihn fotografiert. Das Foto hängt bei mir zu Hause. Jahre später, an dem Tag, als wir in unsere neue Wohnung eingezogen sind, hat er eines Morgens zu mir gesprochen und in diesem Moment habe ich ihn auf dem Foto erkannt.

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30. Dezember 2015


Das ist sicher alles sehr undurchschaubar für den, der es liest. Aber es ist genauso, wie ich es hier schildere.
Von Literatur verstehe ich nicht viel. Auch nicht davon, wie man eine Kurzgeschichte wie diese jemals auf den Markt bringt. Aber um mein Foto der Öffentlichkeit da draußen zu präsentieren, werde ich es versuchen. Da ist mir dieser Weg gerade recht.
Mal sehen, ob es funktioniert.

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Silvester

Das Jahr geht zu Ende. Mit Höhen und Tiefen, aber unter dem Strich zählt, dass alle gesund geblieben sind.
Es ist ein trüber Tag. Schon seit Tagen haben wir dichten Nebel, der sich nicht auflösen will. Heute Abend wird wohl vom Feuerwerk über dem See nichts zu sehen sein.
Zwanzig Jahre ist es jetzt her, dass ich dieses Foto besitze. Oft schon habe ich überlegt, die außergewöhnliche Geschichte, die damit verbunden ist, jemandem zu erzählen. Aber immer hat mich irgendwie der Mut verlassen. Ich denke, dass Gott den richtigen Zeitpunkt dafür aussucht. Er hält die Fäden in der Hand und führt mich durch dieses Leben, mit allen Fehlern, die ich mache.

Als wir damals hier eingezogen sind, hat seine Stimme folgendes zu mir gesagt: » Alles, was du siehst und alles, was du hörst. Alles, was in deinem Leben geschieht, das Gute und das weniger Gute. Das alles gehört zu meinem Plan. Habe keine Angst. Alles wird gut.«
Und ich kann es sogar beweisen. Ich habe ja ein Foto von ihm! Jetzt stellt sich mir die Frage, was ich damit tun werde. Ob ich es der Kirche gebe?
Lassen sich dann die leeren Kirchenbänke wieder füllen? Aber was hätte ich dann selbst davon? Das kann dann derjenige machen, der das Foto haben will.
Ich werde das Foto von Gott verkaufen oder besser noch, ich lasse es versteigern.
Wie viel ist das Foto eines Prominenten eigentlich wert? Eines Prominenten, den noch nie jemand gesehen hat, der aber trotzdem in aller Munde ist.
Das Startangebot liegt bei, na, sagen wir mal, 3.000.000.00 Euro.
Schließlich bin ich ja auch vom »Stamme NIMM«!

Wenn ich diesen Schritt jetzt nicht wage, werde ich mich wahrscheinlich ein Leben lang über meine Feigheit ärgern. Und wenn ich eines Tages vor ihm stehe, wird er mich fragen: »Warum hast du es nicht wenigstens versucht!«








Anna Dreyer ist 1961 im tiefsten Osten Deutschlands geboren und gelernte Wirtschaftskauffrau.

1987 mit ihrer Familie und drei Koffern nach Westdeutschland übersiedelt, ist sie 2007 mit ein paar mehr Koffern in die Schweiz ausgewandert.

Anna Dreyer verwendet den Namen ihrer Urgroßmutter als Pseudonym und schreibt wahrscheinlich aufgrund einer Eingebung von »oben«. Warum unter Pseudonym? Damit ihr die Leute nicht »die Bude einrennen«, wenn sie erfahren, dass sie die wahrscheinlich einzige Person auf der Welt ist, die eine Fotografie von Gott besitzt.

»Der Versuch« ist ihre erste Veröffentlichung.