Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag

Wolfgang Eichhorn


»Frage nicht nur nach dem Sinn des Lebens –
sondern gib ihm auch einen!«


cover
Beitrag entnommen
aus der Anthologie
ğIm Zaubergarten der WorteĞ
Ausgabe 2016



Gedichte Gebote Sprüche Zitate





Eines Kindes Glück und Segen
soll’n dich stärker stets bewegen
als der Drang in Freud und Not!
Bringe Heil statt Leid, Schmerz, Tod!
Einverstanden? ELFTES GEBOT?!

Jedes Menschen Freiheitsdrang
sei dir wichtig. Jeden Zwang,
auch Überwachung, bring ins Lot!
Doch bei Menschenmord sieh rot!
Einverstanden? ZWÖLFTES GEBOT?!




Rom war noch ohne Petersdom,
da tarnten Speis und Spiele
die fürchterlichsten Ziele.
»Zustände wie im alten Rom«
gibt es auch jetzt noch viele:
Zustände kriegen all die Leute,
die den Weltenzustand heute
sozial bewegt analysieren
und dabei schaudern, zittern, frieren.




Wir Wirtschaftswissenschaftler
würden weitaus wirkungsvoller wirken,
wenn wir wüssten, wie Wirtschaft
wissenschaftlich widerspiegelbar wäre.

(Alliterationsgedicht)




R O T A S      ROTIERST (im Kreise),
O B A M A      OBAMA.
T A X A T      ES WÄGT (und rät dir weise, als Leitmotiv zu üben):
A M A B O      ICH WERDE LIEBEN
S A T O R      (dein) SCHÖPFER.

Links steht ein »5 mal 5 Buchstaben-Vierfachpalindrom-Quadrat« mit (bis auf OBAMA) lateinischen Wörtern, deren Bedeutung aus den mit großen Buchstaben geschriebenen Wörtern des rechts stehenden Gedichts hervorgeht. Ersetzt man rechts unten SCHÖPFER durch BRAHMA (indischer Gott), dann passt das reimgemäß gut zum Namen des amerikanischen Präsidenten OBAMA.

Über 2000 Jahre älter als dieses Quadrat ist das weithin bekannte:

S A T O R      Sämann, Schöpfer
A R E P O      unbekanntes Wort, eventuell ein Name
T E N E T      er/sie/es hält
O P E R A      die Werke
R O T A S      du rotierst (drehst dich im Kreise).

Die bekannten Übersetzungsversuche ins Deutsche konnten mich nicht davon überzeugen, dass das Quadrat inhaltlich einen Sinn hat. Formal hat es viele Betrachter fasziniert.




Freu dich der Talente und der Gaben,
die dir Gott und Ahnen mitgegeben haben!
Mach was draus dein Leben lang –
liebevoll mit frohem Drang!
Öffne dich der Seinskultur!
Rede offen, stoppe Zwang!
Achte Mitmensch und Natur,
aber, bitte, acht’ nicht nur!
Handle hegend, pflege nachhaltig, nicht stur!
Wow, so legst dem Sinn des Lebens eine gute
Spur.
(Wolfgang Eichhorn, Warnfried Grams und Dirk Solte)




Küssen kann man nicht alleine
Annette Humpe

»Küssen kann man nicht alleine«,
sagt Annette, doch ich meine:
Küssen kann man Hände, Beine –
falls alleine, dann ja seine …
Fehlt für deinen Mund ein zweiter,
dann sei megacool und heiter!
Nimm ’nen Spiegel, küss’ ihn lippig,
dann trifft Mund auf Mund ganz üppig.
Küssen tust du dann alleine …
Du, Annette, was ich meine,
ist zwar richtig,
aber nichtig,
denn ach, wer tauscht Liebeskusslust
gerne gegen Spiegelkussfrust?




Wirtschaftsordnung

Sind Moral und Ethik
unbedingt sehr nötig
für die Wirtschaftsbosse
und die Arbeits(t)rosse?
Sind Moral und Ethik
unbedingt sehr nötig
in Finanzsystemen,
dass die uns nicht lähmen
sondern bestens dienen?
Dienen, dann verdienen?

Nein, Moral und Ethik –
die sind minder wichtig,
wenn die Ordnung richtig,
die gemeinsam Denken
schafft, den Lauf zu lenken,
und als Wirtschaftsregel-
netzwerk stoppt den Flegel,
der den Menschen schadet,
währenddes er badet
frech in Geldeswerten,
die ihm nicht gehörten,
falls die Regeln griffen,
auf die er gepfiffen.

Die Moral von der Geschicht’:

Predige dem Flegel nicht:
»Sei moralisch, ethisch, sei!«
Sag ihm lieber frank und frei:
»Halt’ die Wirtschaftsregeln ein!
Dann wirst du ein Vorbild sein,
denn die Regeln sind durchdacht,
mit Moral und Sinn gemacht.«
Wirtschaft wäre dann gesund,
die Gesellschaft würde rund,
hätte Zeit und Geld und Wert.
Jeder, der nicht so verfährt,
sei zum Schluss mit Spott geteert:
»Heilige am heil’gen Gral
deine Ethik und Moral!«




Korf erfindet eine Art von Witzen,
deren Pointen zunächst gar nicht sitzen.
Jedem bringen sie nur Langeweile,
müde sucht man die Erleuchtungs-Zeile;
Schlummer fördern alle Witzeteile.
Doch als hätt’ ein Zunder still geglommen
und die Glut den Weg zum Hirn genommen,
blitzt im Schlaf ein Lächeln auf, benommen:
Korfs Idee, sein Witz, ist angekommen.

(Nach Christian Morgenstern)




Bringt viel Grillgut
englisch: Grill food,
mit zum Grillfest!
Nach dem Grilltest
geht’s zum Grill room.
Welch ein Grill boom!
Auf den Grillrost
Legt der Grill host
voller Grillmut
nicht nur Grillgut,
sondern Grillen:
Grillen grillen
ist sein Wille:
Arme Grille!
Grille zirpt,
Grille wirbt,
Grille stirbt.
Grille gegrillt,
Hunger gestillt,
Mägen gefüllt
mit gegrillten Grillen.
und mit Widerwillen.
Aus die Sause,
auf nach Hause
mit ’ner Flause,
also Grille!
In der Stille
stören Grillen
Geist und Willen.




Des Witzes Seele ist die Kürze;
die Kürze wirkt wie eine Würze.
Die Würze ist oft eine Bosheit,
nicht selten ganz gemeine Rohheit.
Fehlt Würze dieser harten Arten,
muss man auf Witze lange warten.
Ein Witz – das ist ein Unikum
Mit Überraschung drum herum.
Je eifriger man so was sucht,
so sehr entschwindet’s. Ei, verflucht!

Witzergründungskaskade mit Stellungnahmen von:
Pollonius in Hamlet, Shakespeare,
Lord Thomas Babington Macaulay,
Christian Friedrich Hebbel (Tagebücher).





Bescheidenheit ist eine Zier,
Doch weiter kommt man ohne ihr.
Ohne sie ist sprachlich besser,
mit ihr läuft man nicht ins Messer
derer, die Angeber hassen
und sie nicht nach oben lassen.
Angeberei ist keine Zier,
Bescheidenheit versteckt oft Gier.
Wer ohne Gier bescheiden lebt,
stört den nicht, der zum Gipfel strebt.

(Der bekannte Zweizeiler an der Spitze wurde erweitert).




»Müßiggang ist aller Laster
Anfang.« »Kontra«, sagt Herr Raster;
Angetrieben sein, das hasst er.
Erfüllt von Lethargie,
als Bremser, Kritikaster,
bezirzt er Geist und Fantasie:
Beschleunigungsbelaster,
Entschleunigungsgenie!

(Angeregt durch das Streiflicht in der SZ vom 09.01.2015)




Zytotoxin ist ein Gift,
das die Zellenwelt betrifft.
Zytotoxizität ist Befähigung
zur Gewebezellenschädigung.
Was dreht Zellenwachstum um?
Klaro: Zytostatikum!




Oster-, Geburts- und Weihnachtstage
bringen uns viel Materielles.
Pfingsten schenkt uns Geist und helles
Licht zur Antwort auf die Vierfachfrage:
Wie entstand die Welt, wie ihre Lage,
wie religiöser Glaube, wie Reelles?
Pfingstgeist gibt uns noch viel mehr,
nämlich Freiheitsgeist mit Würde:
Überwachungswiederkehr
schränkt er ein durch hohe Hürde,
heimlichen Kontrollverkehr
bremst er aus mit brüsker Bürde.

(Angeregt durch Pfingstgedanken von Berthold Brecht und Heribert Prantl




Anlagen, Zulagen, Auslagen!
Lage, Lage! Lagen!
Und sehr flotte Wagen!
Niemand schien zu klagen;
westliches Behagen …
Aber halt! Im Osten
stieß man stets auf Posten
an einer Horror-Grenze
für Hammer, Zirkel, Kränze …
Sense!




Als Müller sich erkennt als Geist,
entdeckt er, dass er Müller heißt.
Als deutscher Denker denkt er sich:
»Mein Name ist mir hinderlich.«
Herr Müller ändert seinen Namen
ganz wenig, nur in engem Rahmen:
»Als Müller hol’ ich Weizensäcke
zum Mahlwerk aus der Weizenecke.«
Er nennt sich ab jetzt Weizensäcker
und wird für Deutschland ein Erwecker.

(Angeregt durch die zwei Zeilen an der Spitze von Christian Morgenstern)




Würde, wie bei einer Kur
für die Massenmenschkultur,
eines Tags, genau 12 Uhr,
den Bewohnern dieser Welt
das vorhand’ne Gut und Geld
zugeteilt in gleicher Zahl,
wäre das extrem fatal:
Nach drei Wochen oder vier,
wär’ die Armut wieder hier,
Reichtum auch, gemäß der Gier.

(Angelehnt an Paul Getty)



Spätfrühlings spendable Sperenzchen:
Speerspitzengleich sprießen spontan Spargelspitzen,
sprengen Spältchen, spähen spitzbübisch.
Spargelspitzenspanner spazieren, spitzen, spekulieren:
splendide Spargelsaison!
Spachtelschwingende Spargelstecher spüren spontan:
spektakuläre Spargelernte!

(Alliterationsgedicht)




There was an old man in Calcutta
who coated his tonsils with butter,
thus converting his snore
from a thunderous roar
to an oleaginous mutter.

Limerick von? Freie Übersetzung:

Ein älterer Herr aus der Pfalz –
der salbte mit Schmalz sich im Hals.
Aus seines Schnarchens Stöhnen
mit Donnerwetter-Dröhnen
ward so ein geschmalztes Gebalz.




Acht Semester lang studiert,
sechs Semester assistiert!
Jahrelang sich echauffiert!
Dann mit Doktorgrad verziert …
Schließlich noch: habilitiert!
Wow! Der Wissensbold doziert!
Hoffnung sprießt nun ungeniert,
dass er oft noch recherchiert
und so Forschung generiert.

(Peter und Wolfgang Eichhorn)







Wolfgang Eichhorn: Mathematiker, Emeritierter Professor und Leiter des Instituts für Wirtschaftstheorie und Operations Research der Universität Karlsruhe (TH), jetzt KIT: Karlsruher Institut für Technologie.

Gleichzeitig mit dieser Anthologie erscheint im R. G. Fischer Verlag der Band »1000 der besten 70000 Gedichte, Gebote, Sprüche, Zitate von Aachen bis Zytotoxizität«, herausgegeben von Wolfgang Eichhorn und Gerhard Gnann.