Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag

Maximilian Kase


»GEDICHTE SIND FÜR MICH FENSTER IN ANDERE WELTEN.«



cover
Beitrag entnommen
aus der Anthologie
ğIm Zaubergarten der WorteĞ
Ausgabe 2016



Gedichte




Ehering

So viele Jahre sind verstrichen,
dein Bild jedoch ist nicht verblichen.
Du bist so schön wie damals auch,
als ich dich sah in meinem Traum.

Die Kälte ist durch dich verschwunden,
die Stimmen sind durch dich verstummt,
die süßen Worte sind ein Rätsel,
zarte Blicke können lesen.

Wir lachen wenn die Sonne scheint,
wir weinen wenn der andre weint,
der Ring hat uns im Geist vereint,
ohne dich bin ich allein.

Das Glück hab ich durch dich gefunden,
die Zeit hab ich durch dich bezwungen,
seit damals sind wir fest verbunden,
ist meine Hand an dich gebunden.




Schattenspiele

Was ist es, das wir von uns sehen,
wenn wir uns durch die Welt bewegen?
Ist das, was uns doch stets umgibt,
nur ein Spiegel von uns selbst?

Die Schatten huschen an der Wand
und drehen sich gewandt.
Im Lichterschein ist diese Welt,
im Unsichtbaren geteilt.

Wir können durch unsre Hände sehen,
mit unsren Blicken spielen,
erfüllen sie unsre Fantasie,
wenn wir im Dunkeln uns verlieren.

Sie sind ein Bild von unsrem Selbst,
ein ständiger Begleiter,
meist unsichtbar, doch sichtbar dort:
Im hellen Licht der Strahlen.




Manager

Ein Mann von Welt,
Kapitalmarkt und Geld,
die Wirtschaft regieren,
fleißig verdienen.

Milliarden versenkt,
Banken gesprengt,
der Bürger zahlt die Masse
und er macht weiter Kasse.

Männer im schwarzen Dress,
Laptop auf den Knien,
Zielflug Berlin
und danach Paris.

Honolulu, Hawaii,
time of sunshine,
das Leben genießen,
den Abend begießen.

Die Kugel, die er schob,
sie lässt ihn nicht mehr los,
will teilen seinen Schatz nur mit sich,
versteckt sein Geld, heimlich.

Auf den Caymans liegt das Geld versteckt,
in dicken Panzerschränken,
doch kommt die Wahrheit einst ans Licht,
dann bringt das Recht ihn vor Gericht
und bindet ihm die Hände.




Annamaria

Am Tisch haben wir uns einst getroffen,
bei ihr fühlte ich mich wie besoffen.
Ach, hätt ich sie doch zart gedrückt.
Doch sie, sie hielt mich für verrückt.

Kaffee haben wir uns vorgeschlürft
und Speisen in uns reingewürgt.
Uns trennte nur ein halber Meter
und doch fünfhundert Millimeter.

Annamaria, mein Stern,
so nah und doch so fern.
Warum musstest du gehen?
Was ist im Leben nur so schwer?
Und jeden Abend denke ich:
Werden wir uns wiedersehen?

Der Nachtisch hat mir nicht geschmeckt,
sie schaute nur abwesend weg,
dann stand sie schließlich seufzend auf,
ich hab ihr noch lange nachgeschaut.

Doch vor der Tür da drehte sie
sich noch mal um, grad hin zu mir.
Ich dachte fast, sie kehrt zurück:
doch lag nur Mitleid ihr im Blick.

Annamaria, mein Stern,
endlos fern und schön.
Doch wenn ich jetzt zum Himmel seh,
ist’s als würdest du vor mir stehen,
und das hält mich am Leben!




Wie soll ich dich nennen?

Wie ich meine ersten Schritte tat,
sah ich dich zum allerersten Mal,
du lächeltest, ich konnt dich nicht verstehen,
wusste keinen Namen dir zu geben.

Als ich dann bald zur Schule ging,
wolltest du mir nicht mehr aus dem Sinn,
als stilles Kind war ich mit mir allein,
konnte nur mit dir zusammen sein.

Ich wurde groß und mit mir wuchst auch du,
mein Lebensdurst, er kannte keine Ruh,
entdeckte deine Vielfalt und Gestalt,
du wurdest meine Weisheit und mein Heim.

Und irgendwann wurdest du mein Mann,
es war das Glück, das ich auf Erden fand,
erlebte viel und wurde mit dir alt,
du wärmtest mich und gabst mir neuen Halt.

Wie soll ich dich nennen?
Hast du doch viele Namen,
sprichst so viele Sprachen,
die alle dich verstehen.

Bist mein goldener Kompass,
bist mein Weg zu den Sternen,
doch sprech ich aus deinen Namen,
bist du schon nicht mehr da.




Heißer Regen

Was netzt und speist das Erdenreich,
dem wir entsprungen sind,
das unsichtbar die Kreise zieht
und uns in seinen Bann?

Die Samen treibt es in die Höh,
zu Gras und Baum und Feld,
dort streuen sie ihr Blütenwerk,
hinaus in alle Welt.

Doch wo die Sonne näher steht,
da liegt die Luft so schwer,
sie bleibt dir oft beim Atmen weg
und alles wächst so schnell.

Der Regen ist so kochend heiß,
stockfinster ist es hier,
und unten wächst bald nichts mehr nach,
der Starke triumphiert.

Bald werden in dem dichten Wald,
nur breite Ranken stehen,
bis einst ein Sturm aus heitrer Nacht,
alles unter sich begräbt.




Spiele am Wasser

Die Wiese an dem kühlen Bache,
dort hielt ich oft die stille Wache,
aß Früchte von dem Apfelbaume,
und naschte von den süßen Pflaumen.

Dort blühten bunte Blumen viel,
ich roch an ihnen und musste niesen,
sah Hummeln durch die Lüfte fliegen,
wie sie vergnügt zusammen spielten.

Die Sonne schien und wärmte mich,
sie schien mir grad auf mein Gesicht,
die Vögel sangen in dem Baum,
mein Blick, er fiel auf Nachbars Zaun.

Zwei Mädchen schritten durch das Tor,
ich lauschte ihnen mit beiden Ohren,
sie tuschelten ganz aufgeregt,
ihr Blick, er war so unbeschwert.

Sie liefen zu dem Wasserstrand
und hielten an dem Ufer an.
Dort streiften sie die Kleider ab
und stiegen in das kühle Nass.

Ich schlich mich nach, ganz heimlich, still,
verbarg mich in dem hohen Schilf,
ihr Spiel, es zog mich magisch an,
ich war bis in das Mark erregt.

Das Wasser rauschte wie im Traum,
die Wellen schäumten platschend auf,
sie schwammen, lachten und erzählten,
bis sie zurück zum Ufer kehrten.

Ich wollt mich frech hinzu gesellen,
ich stolperte und kam ins Fallen,
sie flüchteten in Panik flink,
das Spiel war aus, der Tag verging.




Blutmond

Die Nacht ist fast dem Tag gewichen,
der Mond steht schemenhaft am Himmel,
er leuchtet fremd und wunderbar,
erzählt von längst vergangnen Tagen.

Vom Licht, das sich im Schatten formte,
von Reisen an entfernte Orte,
vom Blut, das einst die Kelche füllte,
von damals, als man glücklich liebte.

Als man sie damals vor sich sah
und rot bald unser Antlitz ward,
als wir von zarten Lippen träumten
und Worte aus der Nacht uns holten.

Er leitet uns auf unsrer Bahn,
ist weit entfernt und doch so nah,
verändert täglich sein Gesicht,
erhellt die Nacht mit seinem Licht.




Was ist mir, dass ich so traurig bin?

Was ist mir, dass ich so traurig bin?
Warum fühl ich mich wie ein Kind?
Ich finde keinen Halt in mir.
Was hält mich ab von dir?

Durch Felder möchte ich springen
wie der Wind,
durch Flüsse schwimmen
ganz geschwind
und stille Lieder singen.

Die Welt, sie ist so laut und groß,
muss ich doch in ihr leben.
Will täglich nach dem Glücke streben,
in meiner Mutter Schoß.




Vergessene Heimat

Wenn ich zurück blick auf mein altes Leben,
dann weiß ich nicht mehr, wo ich hingehöre.
Ein ferner Traum im Nebel meine Wiege,
ein leeres Wort geworden ist die Liebe.

Ist auch kein Platz für mich in einem Herzen,
heilt auch kein Mittel je die tiefen Schmerzen,
wenn ich durch unsre kleinen Straßen gehe
und kleinen Leuten auf dem Weg begegne.

Dann ist mir fast als ob ich heimwärts käme,
wenn ich die Leute fröhlich lachen sehe,
vom Kirchturm silberhell die Glocken schallen
und Kinder unbeschwert im Wasser tollen.




Seebrücke

Der Atem keucht,
das Fahrrad seufzt,
die Schritte, sie scharren,
die Bretter, sie knarren.

Möwenschreie,
Segelgleiten,
rauschende Wellen,
pfeifendes Bellen.

Die Küste wild,
herrliches Bild,
fauliges Holz,
die Enten stolz.

Der Atem schweigt,
die Welle treibt,
bricht sanft sich am Stege,
es ebbt ab – ich gehe.




Gleitende Kähne

Heut gehen wir auf große Fahrt,
das Wasser lockt uns alle an,
zu neuen Ufern aufzubrechen,
den grauen Alltag zu vergessen.

Die Sonne sprüht ihr goldnes Licht,
die Kähne gleiten fließend hin,
die Ruder tauchen samtig ein,
sie tragen uns, wohin’s uns treibt.

Das Wasser liegt vor unserm Aug,
glatt wie ein feiner Spiegel,
umsäumt von einem Band aus Wiese
und Bäumen, wunderbar.

Vom See umgeben, eine Stadt,
gebaut auf Inselland,
von Ferne hallt der alte Dom
und auch die Vögel sprechen.

Bei Tee und Bier im Gästehaus,
kommt Ruhe in das Sprechen,
die Boote werden eingeholt,
bald scheint im See der helle Mond.




Die Schwimmerin

Wenn ich die heißen Stunden zähl
und mittags fahr ans blaue Meer,
dort, wo ich meine Haut abkühle,
seh ich sie stets die Bahnen schwimmen.

Sie schwimmt und taucht, leicht wie ein Fisch,
ich folg ihr nach mit meinem Blick,
anmutig krault sie durch das Wasser
und treibt schnell an die zarte Masse.

Ihr Haar, das hat sie hochgesteckt,
ihr Blond zu einem Schwarz gefärbt,
trägt einen Reif um ihren Arm,
ein knapper Anzug bedeckt die Scham.

Die Haut, sie glitzert in dem Licht,
wenn sie sich durch die Wellen schwingt,
manchmal schaut sie beim Schwimmen auf,
ihr Blick durchfährt mich wie ein Schauer.

Wenn sie sich dann am Ufer trocknet
und in der Mittagshitze sonnet,
seh ich ihr heimlich lange zu,
ihr Blick, er lässt mir keine Ruh.

Dann taucht die Sonne in das Meer,
der Tag vergeht, der Strand wird leer,
still, leise radelt sie davon,
bald trete ich den Heimweg an.




Die verlorene Zeit


Die Tage, die ich nicht gelebt,
verschwendet und das Glück verfehlt,
die Zeit, sie machte mich zum Mann,
auch wenn ich sie nicht greifen konnt,
was ich nicht von ihr nahm,
das war ein falscher Pfad.

Verborgen unter Gras und Schutt,
dort ließ ich meinen Geist zurück,
gestanden einst in Pracht und Blüte,
verführt, zerstört durch falsche Ziele,
was damals ein Tempel war,
ist heute nur noch ein Grab.

Doch denk ich an ihr Bild zurück,
dann kehrt ihr Geist in mich zurück,
ich träume einen Traum von Liebe,
verfalle nicht in Angst und Leere,
sie ist ja zum Greifen nah,
durch eine wunderbare Tat.






Maximilian Kase ist am 10.03.1989 in Crivitz geboren und hat an der Universität Rostock mit dem Abschluss »Master of Arts« Germanistik und Philosophie studiert.