Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag

Thomas Schmitz


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Beitrag entnommen
aus der Anthologie
ğIm Zaubergarten der WorteĞ
Ausgabe 2016


Das Drama des einsamen Baumes


Als ich noch ein Junge war, fiel es mir gar nicht auf. Mit zunehmendem Alter und zunehmendem Bewusstsein wurde mir jedoch klar, dass ich der einzige Baum auf diesem Hügel war. Andere Bäume sah ich nur in der Ferne. Sie standen protzig da, dicht aneinandergereiht. Ob sie wohl über mich redeten? Ob sie mich überhaupt bemerkten? Ich sah ja auch nur ihre Wipfel, da unten, weit entfernt von meinem Hügel.

Mir machte das Alleinsein nichts aus. Wenn man nichts anderes kennt, weiß man auch nicht, was man alles vermissen kann. So stand ich dort oben auf dem mal grünen, mal bunten und mal weißen Hügel und schaute beharrlich in den Horizont. Dann und wann besuchte mich ein Vogel, sang mir etwas vor und hinterließ vor lauter Dankbarkeit für mein geduldiges Zuhören einen Klecks Fäkalien. Ihr werdet euch wundern, aber auch damit hatte ich nie ein Problem. Ich bin ein Baum, bin standhaft, habe eine starke Rinde. Dementsprechend lache ich darüber, wenn mich jemand mit Scheiße bewirft. Ich hatte immer viel Zeit mit mir selbst. Ergab mich meinen Tagträumen und Gedanken. Ich liebte es, vor mich hin zu philosophieren. Und zwar so sehr, dass mir durchaus bewusst ist, dass sich im vorausgegangenem Satz eine kleine Tautologie verbirgt.

Ein besonderes Interesse entwickelte ich für Bewegung. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich als Baum nicht gerade der Agilste bin. Ich entdeckte, dass die Sonne immer auf anderen Bahnen über mich hinweg zog. Ist der Hügel weiß und mein Kopf kahl, dann läuft sie geduckt über den Horizont, dass wir fast auf Augenhöhe sind und ich nur noch blinzeln kann. Wird mein Hügel bunt, was seltsamerweise zweimal im Jahr passiert, einmal, wenn meine Haare wachsen und ein anderes Mal, wenn sie mir wieder ausfallen, dann klettert die Sonne schon etwas höher über das Firmament. Ich schaue mir dann immer gerne die anderen Bäume an. Diese kann man dann kaum noch voneinander unterscheiden, denn sie haben lustige bunte Haare. Ich stelle mir dann immer vor, dass in der Clownakademie große Pause sein muss. Ist meine Wiese am grünsten und wird sie manchmal sogar ein wenig braun, dann ist die Sonne am höchsten. Hätte ich zu dieser Zeit nicht eine wirklich beeindruckende Mähne, dann würde ich wohl ziemlich schmerzhaften Sonnenbrand bekommen. Zusätzlich habe ich beobachtet, dass ich mich immer besonders erschöpft fühle, wenn die Sonne besonders hoch am Himmel entlanggelaufen ist.

Der Mond ist mir suspekt. Er verändert immer wieder sein Aussehen. Einmal schaut er nach links, einmal schaut er rechts, mal hat er sich versteckt und ein anderes Mal starrt mich die dicke Mondgesichtsfratze die ganze Nacht über an. Ab und an frage ich ihn dann, ob er sich immer um die eigene Achse drehe und ob ihm denn dabei nicht schlecht würde. Eine Antwort ist mir dieser arrogante Kerl bis heute schuldig. Er lächelt mich immer nur süffisant an und schweigt.
Wolken sind mir da schon lieber. Sie bringen zwar zu jedem Treffen ihren unsäglichen großen Bruder, den Wind mit, der mir die Frisur zerstört und mir die Haare ausrauft, aber ich kann euch versichern, mit Wolken kann man eine Menge Spaß haben. Wir haben schon so manch ein schillerndes Fest gefeiert. Haben getrunken, getanzt und donnernd gelacht. Wolken sind zudem ziemlich großzügig. Für meine Getränke bin ich noch nie selber aufgekommen. Nur einmal, im Frühsommer 1986, brachten mir die Wolken eine ziemlich ekelhafte Brühe mit. Ich kann euch sagen, ich hatte den Kater meines Lebens.

Am allerliebsten sind mir die Sterne. Mit ihnen spiele ich immer »Malen nach Zahlen«. Leider zeichne ich aufgrund meiner mangelnden Kreativität meistens einen Einkaufswagen oder einen hässlichen Mann mit Schwert und Gürtel. Wir lachten jedoch sehr viel bei dieser Montagsmalerei. Ich glaube, Sterne sind kitzelig. Außerdem macht es mir Freude Bilder, die ich einst gezeichnet habe, wieder zu entdecken.

Auf diese Art und Weise verbrachte ich also meine Tage und Nächte bis eines unverhofften Moments das Schicksal auf widerlichste Art und Weise zuschlug. Ich bekam unerwarteten Besuch. Zunächst sah Es klein und schrumpelig aus, als Es meinen Hügel hoch stapfte. Es kam immer näher. Bedrohlich nahe. Doch so als Baum ist es recht schwer wegzulaufen. Mit jedem Schritt den Es näher kam, konnte ich Es besser sehen. Es hatte wohl einen ebenso schönen Schopf wie ich selbst. Die Silhouette wurde deutlicher. Ich erkannte, dass es sich um einen Menschen handeln musste. Ich erschrak und stand ganz still. Ich hatte nämlich irgendwann aufgeschnappt, dass Menschen besonders hinterhältig sein sollen und selten etwas Gutes im Schilde führen.

Bald wurde aus dem Es eine Sie. Je näher Sie kam, desto zierlicher wirkte Sie auf mich. Ich konnte den Gerüchten nicht mehr glauben. Was sollte ein so schnuckeliges Wesen denn einem Baum wie mir schon antun können? Gespannt wartete ich auf ihre Ankunft. Als ich sie dann von nahem betrachten konnte, wurde mir schlagartig heiß. Mein Magen drehte sich um und ich konnte keinen rationalen Gedanken mehr fassen. Ihre Augen waren leuchtend grün. Sie hatten ein Grün, dass ich noch nie zuvor gesehen hatte, auch wenn mein Hügel ja ab und an recht grün ist. Ihr Schopf war dicht und glänzte leicht in der Sonne. Es steckte eine Blume mit gelber Röhren und weißer Zungenblüte in ihrem Haar. Das sah ziemlich süß aus und erinnerte mich an die freundlichen Gänseblümchen, die mich einmal im Jahr kichernd anschauen. Ihre Haut war weiß und samten, nicht wie der Stamm einer alten Birke, der bereits grau und fleckig ist. Sie war zwar zierlich, wirkte aber nicht schwach. In ihren funkelnden und forschenden Augen konnte ich Intelligenz erkennen.

Ich will nicht angeben, aber wir hatten sofort einen Draht zueinander. Sie sagte: »Du hast aber einen schönen Platz hier oben. Was für eine tolle Aussicht!« Sie atmete tief durch. »Was für eine himmlische Luft!« Ich konnte mir ein Grinsen kaum verkneifen. Ich glaube, meine Rinde wurde ein wenig rot und die Trichome auf der Epidermis meiner Blätter stellten sich auf. »Ich glaube du wärst ein schönes Motiv für ein Foto. Weißt du, ich mache mir gerne ein Erinnerungsfoto, wenn ich einen besonders schönen Ort besuche.« Sie nahm die Kamera von ihrer Schulter und zielte auf mich. »Na komm, nur nicht so schüchtern.« Ich spannte all meine Äste an. »Klick, das war es schon. Ich glaube, ich werde ein wenig rasten und dir eine Weile Gesellschaft leisten.«

Sie legte ihren Rucksack ab und setzte sich direkt neben meinem Stamm, genau zwischen zwei meiner Wurzeln, die eine kleine Kuhle bildeten, nieder. Sie kramte in ihrer Tasche und entdeckte etwas zu trinken und zu essen. Wir aßen und tranken gemeinsam. Freundlicherweise ließ sie den letzten Schluck ihres Wassers in den Boden sickern, sodass ich auch etwas verzehren konnte. Im Gegenzug ließ ich ab und an einen kleinen Lichtschein ihr schönes Antlitz erwärmen. Sie schloss dann immer die Augen und ließ ein wohliges Grummeln ertönen.

Nachdem wir gemeinsam diniert hatten, lehnte sie sich mit ihrem Rücken gegen meinen Stamm und schmiegte sich an mich. Sie stöhnte und ließ ihren Hinterkopf behutsam gegen meine Rinde fallen. Ihr Haar duftete wundervoll, so muss eine chinesische Stachelbeere riechen. Sie hatte die Augen geschlossen und grunzte dann und wann vor sich hin. Das war jedoch sehr niedlich und ich genoss ihre Berührung in vollen Zügen. Besonders gefiel es mir ihren mir arrhythmisch anmutenden Herzschlag zu hören. Ich versuchte nun meinen Herzschlag dem ihren anzupassen. Die daraus entstehende Disharmonie war jedoch selbst für mich nicht zu verleugnen. Trotzdem missachtete ich diese Warnung und gab mich dem Augenblick voll und ganz hin. So etwas Vollkommenes hatte ich noch nie erlebt und ich wünschte, die Zeit würde einfach für immer stillstehen.
Als die Sonne wieder etwas tiefer stand und es langsam kühler wurde, öffnete sie jedoch wieder ihre Augen. Sie räkelte sich und gähnte. »Vielen Dank für deinen Schutz, ich konnte sehr friedlich Ruhen.« Sie strich mit ihrer Hand über meinen Stamm. »Ich muss weiterziehen und lass dich wieder in Frieden. Ich glaube jedoch, dass ich dir auch ein kleines Andenken hinterlasse, damit ich dich wiedererkenne, wenn wir uns das nächste mal sehen. Ich hoffe das ist Okay für dich.« Mein Schweigen verstand sie richtigerweise als Zustimmung. Sie kramte in ihrer Tasche und fand einen roten Gegenstand, auf dem ein weißes Kreuz abgebildet war. Sie klappte den Gegenstand auf und zum Vorschein kam eine silbern funkelnde und spitze Klinge. Ich wurde bleich. Was hatte sie wohl damit vor?

Sie bildete eine Faust und stach mir heftig in meine Rinde. Als Baum habe ich jedoch nicht das größte Schmerzempfinden. Ich biss auf die Zähne und nach kurzer Zeit kitzelte das Messer nur noch. Sie vollführte einige gekonnte Bewegungen und ich hatte das Gefühl, dass sie eine Majuskel und ein paar Minuskeln unter meine Haut stach. Als sie fertig war, fühlte es sich sogar gut an. Mag aber sein, dass das nur die Erleichterung war. Sie strich noch einmal mit ihrer Hand über meine frische Narbe. »Na, war doch gar nicht so schlimm oder?« Sie schenkte mir ihr bezauberndes Lächeln, schulterte ihren Rucksack und begann mit dem Abstieg von meinem Hügel.

Ich schaute ihr solange hinterher wie ich konnte, doch irgendwann verschwand sie unter den Kronen der Bäume unten im Tal. Ich starrte trotzdem weiter in die Richtung, in der sie verschwand. Es wurde dunkel und wieder hell. Ich kann mich nicht erinnern, dass es in dieser Nacht Sterne gab. Ich hatte nur noch sie im Kopf. Und als der Morgen anbrach, war ich vor Tränen taunass. Die Narbe hatte begonnen zu bluten, langsam tropfte das Harz aus ihr heraus und verfestigte sich den Stamm entlang in einer Blutlache. Doch mein Herz schmerzte stärker.
Ich war wieder alleine und das wurde mir an diesem Morgen schlagartig bewusst. Ich wollte mir die Wurzeln ausreißen und ihr hinterherrennen, doch jeder Versuch scheiterte. Die Erde hielt mich fest in ihrer Hand. Mir blieb nur die Trauer. Nacht für Nacht weinte ich und selbst die Sterne konnten mich nicht erheitern. Tag für Tag blutete ich und selbst die Sonne brachte das Harz nicht zum Erstarren. Ich war einsam, verloren und gebrochen. Der Wind, die Sonne, die Wolken und die Sterne wollten mich aufmuntern. Der Wind flüsterte mir Dinge zu, die ich nicht hören wollte. Die Sonne wärmte mich, doch mir war nur noch kalt. Die Wolken gaben mir zu trinken und ich versuchte mich zu ertränken. Die Sterne bildeten neue Bilder, doch ich sah nur SIE. Selbst der Mond wollte helfen und ließ mich träumen. Doch von wem habe ich wohl geträumt?

Seit diesem Tag ist eine Menge Zeit vergangen und trotzdem erwische ich mich jeden Morgen dabei, wie ich zu der Stelle spähe, wo sie unter dem Blattwerk der anderen Bäume entschwand. Die Sonne zog häufig ihre Bahnen, dem Mond war schon richtig schwindelig und der Hügel war oft bunt, grün oder weiß. Ich bin gewachsen, habe eine imposante Krone und wachse immer weiter. Doch ich warte immer noch auf ihre Rückkehr, auch wenn ich nicht daran glaube. Es ist auch äußerst stupide, selbst für einen Baum. Ich bin aber zu beharrlich, zu stur, wenn man so will. Wenn sie nur wiederkommen würde. Ich schwöre, ich könnte mich dann bewegen, ich könnte dann laufen und sprechen. Wenn nicht, würde ich mich selbst entwurzeln. Wisst ihr, was mir einst der Wind zu geflüstert hat? »Die Zeit heilt alle Wunden.« Wisst ihr auch, wie es sich mit Narben bei einem Baum verhält? Bäume wachsen immer weiter, bis sie irgendwann durch die Natur, den Menschen oder einen verfressenen Biber getötet werden. Und wisst ihr was? Die Narbe wächst mit! Sie wächst tatsächlich mit. Ab und an blutet sie sogar noch. Einer Träne gleich, fließt dann ein Tropfen Harz meinen Stamm hinunter bis auf den Boden. Soviel sei nur gesagt, zu dem tollen Ratschlag des Windes.
So steh ich hier allein auf meinem Hügel und habe erst durch die Zweisamkeit gelernt, was es heißt, einsam zu sein.











Thomas Schmitz
wurde 1985 in Würselen, im niederländisch-belgischen Grenzland, der Euregio, geboren. Seit frühester Schulzeit genoss er eine europäisch ausgelegte Erziehung. In erster Linie sieht er sich als Bürger Europas, der den europäischen Gedanken in seinem Facettenreichtum voranzubringen versucht. Neben seiner Leidenschaft zum Schreiben entwickelte er darüber hinaus eine große Faszination für andere Kulturen und andere Länder, welche zu zahlreichen Reisen und Auslandserfahrungen führte.