Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag


Eva Kadavy
Protokoll eines Dezembers
Erzählung
2005.
54 Seiten.
Paperback.
€ 9,80 (D).
ISBN 978-3-89950-105-5. edition fischer

Eine 59jährige Frau verbringt 31 Tage im Dezember in der Einsamkeit einer Jagdhütte in den Bergen. In dieser Zeit möchte sie zu sich selbst finden, Abstand gewinnen von ihrer Familie, ihrer Vergangenheit. Nach acht Tagen voller Angst und Zweifel beginnt sie, neugierig geworden, ihre Umgebung zu entdecken und erfährt neue Seiten an sich.
Texte von Eva Kadavy:


cover
Beiträge entnommen aus
»Collection deutscher Erzähler«
Band 5, 2006
R.G.Fischer Verlag



HAUS DER ERINNERUNGEN

Das Haus ist alt, doch niemand weiß, wie alt es wirklich ist. Das Haus ist groß und voller ungelöster Rätsel. Das Haus, es lebt. Es sah sich oft gefüllt mit Gästen. Doch nun sind wieder einmal alle gegangen. Ihre Stimmen sind verstummt, ihr Lachen ist zerstreut, jedoch nicht für Ohren, die auch das Unhörbare wahrnehmen können. In den Archiven des Hauses bleibt alles, was im Haus geschehen ist, wohlbewahrt, kein Ton, kein Wort, kein Gedanke wird vergessen. Die Abdrücke, die all die Körper im Gang der Zeit hinterließen, haben sich noch nicht wieder aufgefüllt. Im alten Haus sind nur vorübergehend Stille und Verlassenheit eingezogen.
Der vage Duft eines Parfums hängt noch in der Luft, ebenso und dezent der Geruch von Zigarettenrauch. Ein kurzes Lachen zerreißt für einen Augenblick die Stille, ein Fußbodenbrett knackt seufzend in der Erinnerung an einen Schritt, und eine einzelne Taste des Klaviers erklingt, sich an die Berührung eines mit ihr kokettierenden Fingers erinnernd. Stimmen huschen flüsternd durch die Räume. Ein Fenster, das man zu schließen vergessen hat, wird offen bleiben, bis die nächsten Gäste kommen. Die Gardinen blähen sich in dem unaufhörlichen ewigen Atem, der das Haus durchströmt. Die große Wanduhr tickt und wird so lange ticken, solange das Haus existiert. Das Meer aus Energie, das die ungezählten Gäste zurückgelassen haben, beruhigt sich allmählich. Von niemandem bemerkt, glätten sich langsam seine Wellen, verebben an den Gestaden einer unbekannten Welt, kehren aber immer wieder zurück, wenn Ohren da sind, die auch das Unhörbare vernehmen. Das Haus ist das letzte an der Grenze zu jenem Reich, das hinter dem Nebel der Unwissenheit verborgen liegt.



DIE STILLE DES UNIVERSUMS


Das gleichmäßige Rauschen des Regens war wohl die eigentliche Ursache seines jähen Erwachens und gleichzeitig  auch Ursache eines Risses, der, von ihm unbemerkt und jetzt gerade erst spürbar geworden, in jenem unbekannten Gefüge aus Raum und Zeit entstanden war. Er lag im Bett und konnte nicht mehr schlafen. Die Dunkelheit lag feucht und schwer im Zimmer, während unzählige Gedanken in seinem Kopf rotierten und ihn nicht mehr zur Ruhe kommen lassen wollten. Sein Körper weigerte sich zu bewegen, da er noch viel zu müde dazu war, und die um seinen Körper gewickelte Bettdecke erhielt ihm die Wärme, die er brauchte, um sich wohl zu fühlen. Jedoch außerhalb der Bettdecke begann eine fremdartige Kälte das Zimmer langsam zu füllen. Er spürte diese Kälte im Gesicht. Sie sickerte ganz langsam durch jenen Riß, der in dem Raumzeitgefüge entstanden war. Er aber lag völlig entspannt und bewegungslos und wunderte sich ein wenig über sich selbst, da er über das, was mit ihm geschah, überhaupt keine Angst empfand.
Mit einem Mal war es still, alle Geräusche im Bruchteil einer Sekunde verstummt. Es war eine Stille, wie er sie noch nie vernommen hatte, und es war auch eine Stille, die in seinem Kopf allmählich und immer stärker spürbar wurde und ein Gefühl von Schwindel erzeugte. Das Zimmer um ihn herum begann sich zu drehen, zuerst langsam, dann immer schneller. Er lag im Zentrum einer Rotation, die jedoch jäh wieder zum Stillstand kam. Erstaunt erkannte er, dass ihn diese Bewegung in ein fremdes, unbekanntes Universum hinausgetragen hatte. Er horchte mit allen Sinnen. Mit einem Mal begannen Stimmen an sein Gehör zu driften, zogen sich wieder zurück und verebbten. Einmal von einem leisen Lachen, ein anderes Mal von sanfter Musik begleitet, versickerten sie wieder in der Stille, und er lag nach wie vor, eingehüllt in die Wärme seiner Decke, in diesem fremden Universum schwebend, darauf wartend, was passieren würde.
Aus einer Entfernung von über Tausenden Lichtjahren, aus der Unendlichkeit heraustretend, tauchte ein Auge auf. Aus dem Gesicht einer fremden Zeit sah es ihn an und gleichzeitig durch ihn hindurch. Er lauschte schwebend und spürte dabei, wie er zu treiben begann, und während er mehr und mehr von dieser langsamen Strömung erfasst wurde, schloß er erwartungsvoll seine eigenen Augen und ließ sich der Stille des Universums entgegentragen.


SPRACHLOSIGKEIT

Die Worte brachen aus ihrem Leben wie langsam vor sich hin morschende Holzlatten aus dem Gefüge eines Staketenzauns. Innerhalb des Zauns stand sie und blickte über ihn hinweg in eine Welt hinein, die sie nicht verstand und vor der sie Angst hatte. Die Latten brachen, eine nach der anderen, sie boten ihr keinen Schutz mehr, und mit der letzten Latte hatte sie das letzte Wort ihrer Sprache vergessen: Hoffnung!
Eva Kadavy, Jahrgang 1946, stammt aus Österreich und zwar aus dem Waldviertel, NÖ. Sie lebte viele Jahre in Wien, bevor sie mit ihrem Mann und ihren Tieren in das Burgenland, nach Riedlingsdorf zog. Nach vierzigjähriger Berufstätigkeit, zweiunddreißig Jahre davon als Angestellte einer großen Baufirma, wo sie in der EDV und später in der Lohnverrechnung tätig war, ging sie in Pension. Ihre ersten Geschichten, damals noch Tiergeschichten, verfaßte sie bereits in der Volksschulzeit. Die erste Veröffentlichung einer Erzählung erfolgte 2005.