Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer
R. G. Fischer Verlag
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Die Entstehung des R. G. Fischer Verlages

(Aus dem Vorwort der Verlegerin zur Jubiläumsanthologie anlässlich des 30-jährigen Verlagsbestehens, erschienen 2007. Im Jahr 2017 erscheint eine neue Jubiläumsanthologie zum 40-jährigen Verlagsbestehen)


Rita G. Fischer


Dreizig Jahre – ist das nun eine kurze oder eine lange Zeit? Für einen Menschen und für eine Firma ist es eine recht lange Zeit. Kinder werden in dieser Zeit groß und auch Firmen wachsen.

Heute, da ich hier sitze und dieses Vorwort schreibe, kommen mir solche philosophischen Gedanken. Wie ist die Zeit geflogen! Meine Töchter Anika und Alina sind groß geworden, mein erstes Enkeltöchterchen Aliza geht schon zur Schule und mein zweites, die kleine Minah, kam im Sommer 2007 zur Welt, und wenn ich mir meine Büros, meine Läger, meine Verlagsverzeichnisse ansehe, stelle ich fest, dass auch meine Unternehmen recht groß geworden sind. Im Laufe der letzten Jahre hatte ich solche Gedanken nicht, da war meine Arbeit Alltag. Jetzt, da drei Jahrzehnte Alltag zusammengekommen sind – meine Güte, so alt fühle ich mich eigentlich noch gar nicht! –, werde ich fast ein wenig sentimental und lasse die so schnell vergangenen Jahre in Gedanken Revue passieren, erinnere mich an jenen Tag 1977, an dem ich als junges Mädchen begann, Bücher zu machen und noch gar keine rechte Vorstellung davon hatte, wie sich diese Beschäftigung weiter entwickeln würde. Wenn man jung ist, »macht« man einfach, es liegt ja noch so endlos viel Zukunft vor einem.

Mehr als die Hälfte dieser Zukunft ist jetzt schon Vergangenheit geworden. Seit dreißig Jahren wache ich jeden Morgen auf, umgeben von meinen Büchern, und freue mich auf den Tag, der angefüllt ist mit der schönsten Arbeit, die es für mich gibt: Bücher machen. Mehrere tausend Titel habe ich in diesen drei Jahrzehnten produziert, und wenn das Schicksal gnädig mit mir ist, werde ich noch einige weitere Jahre arbeiten, und dann werden es noch viel mehr sein, die ich im Laufe der Jahre in der Hand hielt, wenn sie frisch aus der Druckerei kamen, noch duftend nach Buchbinderleim und gerade geschnittenem Papier. Und immer das gleiche, immer wieder wunderbare Ritual: das neue Buch beinahe zärtlich in die Hand nehmen, Papier und Umschlag befühlen, meine Nase hineinstecken und diesen unvergleichlichen Geruch schnuppern. So viele Male Freude, so viele Male Glück und auch ein wenig Stolz hat mir meine Arbeit tagtäglich geschenkt. Und noch immer freue ich mich über jedes neue Buch, als wäre es mein erstes. Es war ein glückhafter Tag, an dem ich mich entschied, einen Verlag zu gründen!

Schon als Kind habe ich Bücher geliebt, habe die wenigen, die ich als Kind armer Leute besaß, gehütet wie einen kostbaren Schatz. Als Elfjährige hatte ich alle Kinder- und Jugendbücher in der Bibliothek des kleinen Städtchens im Vogelsberg, wo ich aufwuchs, gelesen und stand mit begehrlichem Blick vor den Regalen mit den Büchern für die »Großen«. Die Bibliothekarin hatte ein Einsehen und lieh mir fortan auch diese Bücher (allerdings achtete sie noch ein paar Jahre darauf, dass mir nichts in die Finger geriet, was sie als »pikant« bezeichnete). Wie habe ich diese kleine, alte Dame mit dem Haarknoten und der Nickelbrille geliebt, die den Schlüssel hatte zu all diesen Wunderwelten, in denen ich mich verlor, sobald ich ein Buch aufklappte.

Und doch, wie naiv war ich geblieben – es kam mir nie in den Sinn, beruflich etwas mit Büchern zu machen. Geschrieben habe ich oft und viel, mit dreizehn fing ich an, mir mit ein paar Heftchenromanen Geld zu verdienen. Wie gut, dass ich mit den Verlagen nur schriftlich korrespondierte, die müssen mich für uralt (mindestens 30) gehalten haben, so sorgsam gestelzt formulierte ich meine Briefe. Dann schrieb ich Artikelchen für die Zeitung; der beste Weg, meine Träume von einer Journalistenkarriere platzen zu lassen, denn der Termindruck in der Redaktion, die langweiligen Anlässe, denen man sich mitunter widmen muss, machten mir klar, dass Journalismus ein sehr hartes Brot ist. Heute, da die Sitten auch im Journalismus verwildern und es meistens mehr um eine »geile Story« geht als um wahrheitsgemäße und sorgfältigst recherchierte Berichterstattung, bin ich allerdings ganz froh darum, diesen Weg nicht eingeschlagen zu haben. Für seriöse Journalisten ist es doch immer wieder eine moralische Zerreißprobe, sich der politischen Ausrichtung ihres Blattes zu beugen oder für einen reißerischen Artikel Halb- und Unwahrheiten schreiben zu müssen und damit Menschen zu verletzen, die sich nicht dagegen wehren können. Ich stelle es mir sehr kräftezehrend vor, das über viele Jahre auszuhalten.

Mit siebzehn machte ich durch die Kurzschuljahre Abitur und hörte von allen Seiten: »Kind, mach was Vernünftiges!« Vernünftig erschien mir die Wirtschaft, im Hinterkopf wieder einmal Träume, diesmal von einer Karriere als Steuerberaterin oder gar Börsenmaklerin. So ging ich nach Frankfurt und begann Volkswirtschaft zu studieren. Wie gut, dass ich mir mein Studium selbst finanzieren musste – schon in den zweiten Semesterferien landete ich in einer Buchhandlung mit angeschlossenem wissenschaftlichen Verlag. Und dort machte es dann »Klick«: Ich begriff, dass Bücher nicht vom Himmel in die Bücherläden und Bibliotheken fallen, sondern dass es Menschen gibt, die Bücher machen. Einer dieser Menschen wollte ich nun auch werden. Jetzt war die Richtung klar, in der ich meine Jobs suchte: sie mussten etwas mit diesem wunderbaren Handwerk zu tun haben. Ich fand solche Jobs und lernte das Handwerk von der Pike auf.

Doch noch nahm der eigene Verlag nicht Gestalt an, ich betreute Übersetzungsprojekte für andere Verlage, machte Lektoratsarbeiten, wurde in einem jungen Verlag so etwas wie Assistentin der Geschäftsleitung, hielt Augen und Ohren auf. Und als mich ein Studienfreund eines Tages darauf ansprach, dass er seine Doktorarbeit drucken lassen müsse und 150 Exemplare davon an der Universität abgeben sollte, erinnerte ich mich daran, dass ein Doktorand viel weniger Pflichtexemplare an der Hochschule abgeben muss, wenn seine Dissertation in einem Verlag erscheint. Er war begeistert, bot an, den Druck zu bezahlen, denn die Kosten entstünden ja ohnehin. Ein zweiter hörte davon, sie bestürmten mich: »Du weißt doch, wie man Bücher macht – sei du doch unser Verlag!« Warum eigentlich nicht? Ich hatte das Know-how, Schreibmaschine und Telefon zuhause, die Kosten waren daher zunächst gering. So entstand am Schreibtisch in meiner Studentenbude ein kleiner wissenschaftlicher Verlag, der so hieß wie ich: Rita G. Fischer Verlag.

Und als ich mein Studium beendete, hatte etwas Wunderschönes bereits angefangen: ich hatte nicht nur ein kleines wissenschaftliches Programm, sondern auch die »edition fischer« mit belletristischen Büchern war schon geboren. Daran erinnere ich mich besonders gern. Zunächst hatte ich nur wissenschaftliche Bücher produziert, für die die Autoren einen Druckkostenzuschuss zahlten, denn viel Geld hatte ich nicht, zumal das Betreiben eines Verlags mit der Zeit doch eine ganze Menge für Werbung, Lagerhaltung und Büroarbeit verschlingt.

Eines Tages hatte mir ein Autor sein wissenschaftliches Buch gebracht. Als alles besprochen war, zog er ein weiteres Manuskript aus der Tasche und sagte: »Ich habe hier noch etwas, was ich gern veröffentlichen würde. Meinen Sie, Sie könnten das auch machen? Es sind Gedichte. Ich bin auch bereit, mich wie bei dem anderen Buch an den Kosten zu beteiligen.« Zunächst war ich perplex. Es war plausibel, dass jemand Geld ausgab für seine Dissertation, Examensarbeit oder Habilitationsschrift, wenn es vernünftiger war, die gleiche Summe für eine Verlagspublikation auszugeben, die einem eine Buchveröffentlichung im Lebenslauf sicherte und Honorar aus verkauften Büchern. Das Geld hätte man ohnehin ausgegeben für einen Berg Pflichtexemplare, der in irgendwelchen Universitätskellern verschwunden wäre. Doch warum sollte man das Konzept des Druckkostenzuschusses, das im wissenschaftlichen Bereich gang und gäbe ist, nicht auch auf Belletristik anwenden können? Die Verlage können nicht alle eingesandten Manuskripte veröffentlichen, weil nicht genügend Kapital zur Verfügung steht. Was sollte falsch daran sein, wenn ein Autor, der keinen Verlag findet, sein Buch mit einem Zuschuss fördert? Er erfüllt sich damit einen Wunsch, so wie er sich mit einer Reise, einem Auto, mit Möbeln oder Garderobe einen Wunsch erfüllt. Und wieder einmal sagte ich »Warum nicht?« – und habe es nie bereut.

So entstanden die belletristischen Verlagszweige edition fischer und edition litera im R.G. Fischer Verlag. Unter diesen Verlagsbezeichnungen bringen wir sowohl verlagsfinanzierte wie auch bezuschusste belletristische Titel heraus. Inzwischen macht unser belletristisches Programm über Dreiviertel unserer Verlagsproduktion aus, und schon lange sind es nicht mehr nur Wissenschaftler, die uns auch ihre belletristischen Manuskripte anbieten, sondern auch und vor allem Menschen »wie du und ich«. Natürlich veröffentlichen wir aber weiterhin zahlreiche wissenschaftliche und Sach- und Fachbücher. Das ist eine schöne Mischung, man trifft auf die unterschiedlichsten Menschen – und viele meiner Autorinnen und Autoren sind mir inzwischen gute Bekannte, manche sogar Freunde geworden.

Längst war mir klar, dass ich durch eine glückliche Fügung meinen Traumberuf gefunden hatte. Fortan war ich mit Leib und Seele Verlegerin. Leicht war es anfangs nicht, aber ich war jung und voller Energie, durchgearbeitete Nächte, fehlende Wochenenden, kein Urlaub, das alles störte mich nicht, Arbeit war Hobby und Hobby war Arbeit. Ich boxte mich in Buchhandlungen durch, baute einen Kundenstamm auf, knüpfte Verbindungen zu Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen, verhandelte mit Setzern, Druckern und Graphikern, ließ mich auch nicht verdrießen, wenn jemand mir, gerade Anfang Zwanzig, sagte: »Na, Fräuleinchen, ich würde gern Ihre Chefin sprechen.« »Die Chefin bin ich, wahrscheinlich sehe ich jünger aus, als ich bin«, war damals meine Standard-Antwort. Tja, heute passiert mir das nicht mehr. Daran merkt man, dass man alt wird ...

Meine Energie war grenzenlos, meine Arbeit gab mir soviel Kraft, dass ich mich allem gewachsen fühlte, keiner Herausforderung wollte ich ausweichen. Ich war nicht nur Verlegerin, ich war auch eine junge Frau, ich wollte auch ein Kind. 1979 wurde meine Tochter Anika geboren. Mein Wochenbett war übersät mit Manuskripten, Anikas Babywippe stand auf meinem Schreibtisch, gerade zwei Wochen alt lag sie in ihrer Tragetasche neben einer Druckmaschine und schlief selig, sie wuchs auf zwischen Schreibmaschinengeklapper und läutenden Telefonen und Bergen von Papieren. Im Grunde war ich erstaunt, dass ihr erstes Wort nicht »Buch« war. Sie sagte ihre ersten beiden Worte nahezu zeitgleich: Mama und Wauwau, denn ihr bester Babysitter war Judy, meine Bobtailhündin, Covergirl meines Buches über diese Hunderasse, das ich 1978 herausgegeben hatte und das inzwischen in der vierten Auflage vorliegt, sich noch immer gut verkauft und mich zu einer Art deutscher Bobtailkummerbriefkastentante gemacht hat. Weil Anika so ein entzückendes kleines Persönchen war, wollte ich unbedingt noch ein zweites Kind, und so wurde 1983 mit meiner zweiten Tochter Alina unser Dreimäderlhaus komplett. Für beide hatte ich nie viel Zeit, aber der Umstand, dass »Mama immer sooo viel arbeiten« musste, hat bewirkt, dass sie zwei sehr selbstständige und weltoffene junge Damen geworden sind, die eine ganze Menge von Büchern verstehen.

Welche Erleichterung war es, als ich mir die erste Halbtagsangestellte leisten konnte, die mich von Telefondienst und Routineschreibarbeiten erlöste, nachdem ich ein kleines, idyllisches Haus am Main gemietet hatte. Dort, in Alt Fechenheim 73 in Frankfurt, entstand allmählich ein richtiges Büro, die damals segensreiche Einrichtung eines Telex wurde angeschafft, Textverarbeitungsmaschinen, ein Fotokopierer mit Normalpapier, nicht mehr das alte Ding, in das man stinkende Flüssigkeiten schütten musste, und das auf Spezialpapier schmierige Kopien machte, die im Lauf der Zeit vergilbten und auf denen die Schrift mehr und mehr verblasste.

Satz wurde damals meist noch mit Composern gemacht, einer Art Spezialschreibmaschine, natürlich ohne Speichermöglichkeit. Korrekturabzüge wurden fotokopiert. Wie schrecklich, wenn Fehler korrigiert werden mussten: dann wurde geschnitten und geklebt, manche Druckoriginale hatten zwei-, drei- oder gar vierfache Klebekorrekturen. Und dann das Zittern: hoffentlich fallen die geklebten Stellen nicht ab, wenn die Seiten in der Druckerei montiert werden und statt der mühsam geklebten Korrekturen werden die darunter liegenden Fehler gedruckt. Das Zittern hörte auf, als Fotosatz erschwinglich wurde, damals das Nonplusultra, heute belächelt von den Setzern, die am Computer sitzen und mühelos Textpassagen hin- und herschieben, Schriftarten und -größen mit einem Tastendruck verändern, Graphiken an jeder gewünschten Stelle einbauen, Bilder einscannen und dann eine Datei als Druckvorlage liefern statt der Papierstapel von früher, die sorgfältig verpackt und als Wertpaket an die Druckerei geschickt wurden.

Überhaupt, die Technik: vor dreißig Jahren war der Anrufbeantworter noch Luxus für mich, heute stehen Fax und Computer im Büro, E-Mails und Daten werden online hin- und hergeschickt, mit dem Handy ist man überall erreichbar, mit Notebook und Minidrucker kann man auf der grünen Wiese auch im Urlaub arbeiten, Fotokopierer können verkleinern und vergrößern, alles wird immer leichter, schneller, besser. Manchmal erstaunt es mich, dass bei all diesen technischen Wundern die Menschen immer noch nach dem guten alten Buch greifen. Lange Zeit kursierten die Unkenrufe, dass die neuen Medien das Buch vom Markt drängen, dass eBook, Internet, Hörbuch und was es noch alles so gibt, viel zeitgemäßer seien, als ein gedrucktes Buch. Doch es werden mehr Bücher als je zuvor gedruckt und inzwischen sind Bücher die meistverkauften Artikel im Internet. Das Internet hat das Buch also nicht verdrängt, sondern ihm zu einer ungeahnten Popularität verholfen. Wie schön, dass die Menschen es noch immer genießen, Papier in der Hand zu haben, anzustreichen und Eselsohren zu knicken, Bücher mit ins Bett und an den Strand zu nehmen, als Begleiter in der Reisetasche und liebevoll sortiert daheim in den Regalen stehen zu haben.

Kein Unkenruf kann mich mehr erschüttern. Ich habe erlebt, dass wir von Jahr zu Jahr mehr Bücher produzierten und verkauften, und ich bin sicher, dass es auch in den nächsten Jahren so weitergeht. Der Verlag wuchs immer mehr, weitere Mitarbeiterinnen kamen hinzu, zufällig zunächst nur Frauen, ein tolles, fröhliches Team, das lange Zeit als »Neue« wieder nur Frauen haben wollte. Der erste Mann, der zu uns kam, wurde mit sehr gemischten Gefühlen empfangen; inzwischen ist unsere Männerquote Gewohnheit geworden. Der erste Mann musste einfach her, als wir Gefahr liefen, als reiner Emanzenladen zu gelten, was wirklich nicht im Sinne unserer Sache war.

Das Büro wuchs, und mit wachsender Bürogröße standen immer wieder Umzüge an. Wir zogen in die Wilhelmshöher Straße in Frankfurt und mieteten später ein weiteres Büro in der Kruppstraße an, die Werbeabteilung blieb in der Wilhelmshöher Straße, das Lager hatte ich in Wiesbaden-Nordenstadt, wo ich in einem alten Bauernhaus wohnte, in dessen wetterfest gemachten Scheunen und Nebengebäuden immer mehr Regale aufgestellt wurden, bis schließlich kein freies Plätzchen mehr zu finden war. Was war das für eine Hin- und Herfahrerei, ein Kopieren aller möglichen Vorgänge, ein Telefonieren und Faxen. Alle atmeten auf, als wir 1994 in die Orber Straße zogen, wo wieder beide Büros zusammen sind und in der angrenzenden Halle unser Hauptbuchlager untergebracht ist. Hier ist es kein Problem mehr, eine Buchbestellung am gleichen Tag, an dem sie bei uns eingeht, zum Versand zu bringen. Post und Büchersammeldienste fahren uns an, Computer drucken in Windeseile die Rechnungen und Lieferscheine aus, die eingespeicherten Titel werden nur angeklickt. Wenige Jahre vorher waren wir noch stolz auf unsere riesige Fakturiermaschine, die die einzelnen Posten zwar selbstständig zusammenrechnete, bei der aber Anschrift und bestellte Titel noch eingetippt werden mussten, der Durchschlag noch mit Kohlepapier, später dann mit selbstdurchschreibenden Kopiersätzen erstellt wurde.

Der technischen Entwicklung bei Büro-, Satz- und Druckmaschinen ist es zu verdanken, dass unsere Arbeit immer schneller und besser erledigt werden kann. Dahinter stehen aber immer auch Menschen. Diesen Menschen möchte ich an dieser Stelle danken: Autorinnen und Autoren, die uns treu geblieben sind und zum Teil mehr als zehn Bücher bei uns veröffentlicht haben – bis zu 18 Titel haben einzelne Autoren bei uns publiziert und wir haben einzelne Titel in achter und neunter Auflage lieferbar; Setzern, Druckern, Lektoren und Graphikern, die schon seit vielen Jahren gut und zuverlässig für uns arbeiten, Buch- und Großhändlern, die sich für unser Programm engagieren, Journalisten und Rezensenten, die unsere Bücher besprechen und Autoren interviewen, meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, von denen viele ebenfalls schon seit vielen Jahren im Verlag arbeiten – und es gerne tun, das merke ich an fröhlichen Gesichtern, am Gelächter, das mitunter durchs Haus schallt, an der Bereitschaft, bei Krankheit und Urlaub einzuspringen, Überstunden zu machen, das Wochenende am Messestand zu sein, einfach und ohne Umstände überall anzupacken, wo etwas erledigt werden muss. Natürlich sind auch einige menschliche Enttäuschungen nicht ausgeblieben – aber das passiert einem immer und überall einmal im Leben. Dann grämt man sich eine Weile, bis es Vergangenheit geworden ist – und schaut wieder optimistisch in die Zukunft.

Auch wirtschaftlich hatten wir oft zu kämpfen, Rezession und Buchhandelspleiten machten uns zu schaffen. Reichtümer häuft man mit einem Verlag nicht an; kaum ist einmal Geld da, wird es wieder investiert, zu viele interessante Manuskripte liegen in den Regalen und warten auf Veröffentlichung. Bis diese Investitionen wieder eingespielt sind, müssen viele Bücher verkauft werden. Jeder Verleger verschätzt sich auch einmal. Ein Buch, das ihm persönlich gefällt, muss nicht unbedingt draußen auf dem Büchermarkt, dessen geheimnisvolle Regeln kein Mensch durchschaut, zum Bestseller werden. Dafür »laufen« dann wieder andere Bücher besser als erwartet, und irgendwie gleicht sich immer alles aus.

Welche Probleme gab es noch? Den üblichen Alltagsärger, denn wo gearbeitet wird, werden auch mal Fehler gemacht. Da wird mal ein Druckfehler übersehen, da geht mal etwas nicht schnell genug. Das bügeln wir aus, und das kostet niemanden den Kopf. Ab und zu gibt es Anfeindungen prinzipienreitender Zeitgenossen, es sei unseriös, einen Teil unserer Publikationen mit Kostenzuschüssen herauszubringen. Da stehen wir drüber. Schließlich haben in der Vergangenheit berühmte Schriftsteller ihre Bücher auch bezuschusst, auch einige der ganz großen Verlage arbeiten mit Zuschüssen, ohne es publik zu machen – merkwürdigerweise wird das immer nur den kleineren und mittleren Verlagen übel angekreidet. Allerdings gab und gibt es in dieser Branche wirklich einige schwarze Schafe, die sich mit überaus klangvollen Namen schmücken, Autoren das Geld aus der Tasche ziehen und sich nicht für ihre Bücher einsetzen. Manche verschwinden dann so schnell von der Bildfläche, wie sie erschienen sind, andere geben sich mit immer neuen hochtrabenden Namen und Ablegern im Ausland öfter mal ein neues Image. Die Leidtragenden sind immer die Autoren, die sich zu Beginn von Hochglanzbroschüren auf geduldigem Papier und schönen Versprechungen blenden ließen, und so etwas bringt eine ganze Branche in Verruf. So haftet in manchen Köpfen dem Publikationszuschuss immer noch ein Hautgout an, den subventionierte Theaterkarten beispielsweise nicht haben. Schade.

Schön war es zu erleben, wie meine Verlage immer bekannter wurden, immer weiter wuchsen und auch die Bereiche Hörbuch, Literaturagentur und USA-Pubikationen abdeckten und wie das Vertrauen in die Seriosität meiner Unternehmen wuchs und andere Verlage, die ihr belletristisches Programm aufgaben, ihre Autoren und Bücher uns anvertrauten. So übernahmen
wir z.B. im Jahr 2000 das Belletristik-Programm des Roderer-Verlages und 2002 das des Schwarzenraben-Verlages. Als 2007 der Print-on-Demand-Verlag »mein Bu.ch« Konkurs anmeldete, kamen von dort ebenfalls viele Autoren zu uns.

Anfeindungen gab und gibt es manchmal wegen unserer Programmvielfalt. Doch da lasse ich mich keineswegs beirren. Wenn ich ein Buch von einem Juden mache, mache ich auch gern eines von einem Palästinenser, ich will sowohl religiöse als auch atheistische Bücher herausbringen, ich will konventionelle und kritische Autoren haben, ich will Pro und Contra, die ganze Vielfalt. Niemals werde ich mich festlegen auf eine Richtung, unser Programm wird immer offen sein für Neues, das hält lebendig und jung. Wer es uns verübelt, dass wir uns als einer der ersten Verlage an das Thema Sterbehilfe wagten, dass wir gerne kritische Autoren unterstützen, der soll es tun, das ficht uns nicht an. Die Zeit belehrt jeden irgendwann eines Besseren. Ich erinnere mich noch, dass wir 1982 ein sehr sachliches Buch des Bonner PLO-Vertreters Frangi herausbrachten, das damals von einigen Buchhandlungen boykottiert wurde. »Terroristenbücher führen wir nicht!« hieß es zu diesem Buch, das ein einziges, besonnenes Plädoyer für den Frieden ist. Heute, nachdem die PLO salonfähig geworden ist, wird dieses Buch bestellt wie jedes andere.

Dieser Linie werden wir treu bleiben. Jedes Buch, das schlüssig Kritik übt, wird bei uns seine verlegerische Heimat finden können. Wir sind von nichts und niemandem abhängig – in dem Moment, in dem ich es wäre, würde ich meinen Verlag zumachen. Zensur könnte ich nicht ertragen, die Freiheit des Wortes ist uns heilig.

Mit viel Liebe widmen wir uns auch einer Literaturgattung, die vielerorts zum Stiefkind geworden ist: dem Gedicht. »Gedichte sind nicht mehr zeitgemäß, Gedichte verkaufen sich nicht«, sagen viele Verlage. Ersteres stimmt sicher nicht, das Zweite stimmt zum Teil. Der Markt ist nicht groß, Gedichtbände »bringen« meist nur kleine Auflagen. Aber in einem Gedicht liegt manchmal die ganze Welt!

Mit fortschreitendem Alter muss man in einem Unternehmen auch rechtzeitig an die Nachfolge denken. Ich habe das große Glück, dass meine Kinder, auf die ich unsagbar stolz bin, die Liebe zu Büchern und Literatur geerbt haben und dass ich beruhigt davon ausgehen kann, dass mein Lebenswerk weitergeführt werden wird, wenn ich mich in einigen Jahren peu à peu aus der Geschäftsführung zurückziehen werde und dann vielleicht endlich Zeit habe, all die Bücher zu lesen, die noch ungelesen zuhause in den Regalen stehen. Meine älteste Tochter Anika hat seit Jahren die Leitung des graphischen Bereichs und der Werbung selbstständig übernommen und leistet ganz hervorragende Arbeit. Die meisten unserer schönen Buchcover wurden von ihr entworfen. Wer weiß, vielleicht wird auch einmal eine ihrer Töchter in einigen Jahren ins Verlagsgeschäft einsteigen? Wenn ich mir die kleine Aliza so betrachte, wie sie mit ihren Bilderbüchern hantiert und einmal atemlos vor Begeisterung mit Blick auf meine Bücherschränke sagte: »Wenn ich erst in der Schule bin, dann kann ich all diese Bücher selber lesen!«, dann sieht es ganz so aus, als wüchse hier die vierte buchbesessene Fischer-Frau heran. Und wenn ich mir vorstelle, dass diese charmante Strahlemaus und unser Jubiläumsbaby Minah aus dem Sommer 2007 nicht meine einzigen Enkelkinder bleiben werden, weil auch meine zweite Tochter Alina gerne zwei oder drei Kinder haben möchte und auch Anika sich eine noch größere Familie wünscht, wird mir ganz warm ums Herz. Wenn Alina ihr Jurastudium abgeschlossen hat, möchte auch sie in die Verlagsarbeit einsteigen. Wunderbar ist es, dass meine beiden Töchter sich in ihren Stärken und Neigungen ergänzen und das Schifflein als Team gemeinsam steuern werden, jede indessen mit einer eigenen Firma und als freie Unternehmerin, so dass keine Interessenskonflikte zu befürchten sind. Was für eine schöne Perspektive für mich: ich bekomme Entlastung durch meine Töchter, werde aber mit Sicherheit meiner schönen Arbeit weiterhin verbunden bleiben, denn immer, wenn die beiden selbst Mutter werden und sich in den ersten Wochen um ihre Kinder kümmern oder in Urlaub sind, werde ich sie vertreten und somit weiterhin diese schönste Arbeit verrichten, die ich mir vorstellen kann. Nicht mit Kaisern und Königen möchte ich tauschen!

Nun will ich schließen, mit nochmaligem herzlichen Dank an alle, die unsere Verlagsarbeit drei Jahrzehnte lang begleitet haben – und voller Vorfreude auf hoffentlich noch viele vor uns liegende Jahre.

Rita G. Fischer



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